Montag, 9. März 2015

Das Wandern ist des Müllers Lust



„Frau Knick?“ „Ja, Herr Krüger?“ „Wir müssen noch den nächsten Wandertag planen.“ „Ach ja, der Wandertag. Was machen wir denn?“ „Na ja, also ich glaube, das Wandern sollten wir nicht allzu ernst nehmen. Ich meine sind Wandertage überhaupt noch zeitgemäß? Was soll eigentlich dieser Spruch ‚Das Wandern ist des Müllers Lust?‘ Ich heiße Krüger und nicht Müller und Schüler wollen heutzutage alles andere als wandern. Lust empfinden Sie dabei auch nicht; das trifft mittlerweile maximal für solche Wandertage zu, zu denen man mit ihnen auf die Bowlingbahn geht. Aber natürlich geht es auch schlecht, dass man Wandertage in Bowlingtage umbenennt. Wobei – wenn man die Schüler selbst fragt, was sie zum Wandertag gerne machen möchten, kommt als erstes „Kino“. Das ist nämlich das Einfachste.“

„Stimmt“, bestätigt Frau Knick, „man muss nichts tun, ausschließlich konsumieren: bewegten Bildern folgen und am besten auch noch ein paar gesunde Chipsinnlos inhalieren.“ „Vielleicht sollte man die Wandertage abschaffen und sie durch Kinotage ersetzen. Dann hätten wir auch weniger Arbeit und nicht so viele Nörgeleien zu ertragen.“ Beide lachen und entscheiden, dass sie die Schüler auf die Fährte eines Buches setzen, dass gerade im Unterricht gelesen wird, indem sie verschiedene Standorte – die Geschichte spielt in Berlin – ablaufen und ein Stück weit real werden lassen.



Vier Tage später finden sich Frau Knick und Herr Krüger im Bus wieder. Mühselig haben sie alle Schüler eingesammelt und schließlich das Oberdeck des Busses in Besitz genommen. Kaum sitzen die Schüler, sind die Handys in der Hand. Beinahe reflexartig erhebt sich Herr Krüger, geht mit dem Blick auf Hüft-bzw. Handyhöhe durch die Sitzreihen und schnappt sich das erste Handy. Die Schüler aus den Reihen drei und vier lassen ihre Telefone blitzartig verschwinden. In Reihe fünf ist das Handy nicht verschwunden, sodass Herr Krüger es – zack – als nächstes in der Hand hat. „Heeeeeyyyy ...“ folgt die promte Reaktion, die Herrn Krüger immerhin dazu bringt, mal aufzusehen. Ooooops ... im Eifer des Gefechts hat er einem Studenten das Handy aus der Hand gezogen. „Oh, Entschuldigung, man sieht ja, wir sind mit einer Horde Handyabhängiger hier und dachte ...“ entschuldigt sich Herr Krüger, und gibt augenblicklich das Handy zurück. Der junge Mann grinst: „Schon o. k., ich weiß, was Sie meinen.“

Glücklicherweise verläuft die U-Bahn-Fahrt ruhig und die Kids trotten träge, aber brav Herrn Krüger und Frau Knick hinterher. Erst, als sie vor dem Museum noch auf zwei später hinzustoßende Schüler warten, kommt richtiges Leben in die Klasse. Ein Windstoß reißt den Deckel einer Mülltonne ab, aber statt den Deckel für den Imbissbudenbesitzer festzuhalten, der so schnell nicht aus seinem Kabuff kommt, bleiben die Kids stehen, haben blitzschnell ihr Handy in den Kameramodus versetzt und filmen das Ereignis einschließlich des beschürzten Currywurstbraters, der hoffnungslos verspätet dem Deckel hinterherhechtet. „Weißt du, ich glaube, wir Erwachsenen sind einfach nicht offen genug, ulkt Herr Krüger. „Uns fehlt einfach ein bisschen der Blick für die wirklich spannenden Dinge des Lebens ... umherfliegende Mülltonnendeckel und so ...“

Als der Windstoß vorüber ist und dieser unglaubliche Vorfall ausreichend untereinander kommentiert wurde, folgt die Klasse ihren beiden Lehrern ins Museum. Da jedoch nicht alle mit dem angemessenen Verhalten in Museumsräumen vertraut sind, ist das Personal aufmerksam geworden. Im Eingangsbereich wird die Klasse nur gemustert, in den Ausstellungsräumen wird Herr Krüger jedoch gewahr, wie ein Museumswärter nach dem andern den Raum betritt. Dann finden sie sich paarweise, um im Bedarfsfalle schnell und kontrolliert eingreifen zu können. Um nicht allzu sehr aufzufallen, tarnen sich einige hinter antiken Säulen und historischen Statuen. Von Zeit zu Zeit schnellt dann einer der Männer hervor und ermahnt diejenigen, die einem der Exponate zu nahe kommen.

Als die Klasse die Ausstellungsräume wieder verlässt und Herr Krüger sich noch einmal umdreht, muss er zweimal hingucken. Die Wärter haben ich zu einer geschlossenen Reihe formiert, sich gegenseitig eingehakt und so den Raum hermetisch abgeriegelt, damit auch keiner auf die Idee kommt, sich doch noch einmal umzudrehen. ‚Ich weiß, ihr freut euch auf eure Art, wenn eine Schulklasse euer Museum wieder verlässt – verständlich‘ schmunzelt Herr Krüger in sich hinein.

Als Herr Krüger und Frau Knick wieder unter freiem Himmel stehen, atmet jeder auf seine Weise auf: Herr Krüger saugt die frische Luft ein, Frau Knick hält genießend ihr Gesicht in die Sonne und die Schüler ... richtig, zücken augenblicklich ihre Handys, um zu gucken, ob es irgendetwas gibt, was sie womöglich verpasst haben. Die Klassenlehrer lassen sie gewähren, zumal sie beide oft genug die Erfahrung machen mussten, dass Schüler unerträglich werden, wenn sie in der Pubertät ihren Willen nicht bekommen.

Aber dann kommt das Handyverbot doch noch zum Tragen, als Herr Krüger und Frau Knick ihre Bande gemächlich zum U-Bahnhof führen und es plötzlich einen metallig scheppernden Klang gibt. Unvermittelt drehen sich beide um und sehen Marco, der benommen auf den Steinen sitzt und um dessen Kopf ein paar Vögel kreisen. Er hatte seinen Kopf als Klangstab benutzt und damit das Straßenschild angeschlagen –vermutlich, weil er zu lange auf sein Handy geguckt hat. Nun lagen verschieden Teile seines Telefons und er am Boden, während seine Mitschüler nicht genau wissen, ob sie lachen oder ihm zu Hilfe kommen sollen. Vier von ihnen haben schon wieder die Handys im Anschlag, um das nächste Filmchen zu drehen, sodass Herr Krüger dann doch noch das Handyverbot ausspricht.

„Weißt du“, sagt Herr Krüger zu Frau Knick, „soo langweilig wie ich dachte, sind Wandertage doch nicht!“

Samstag, 7. März 2015

Von wegen alleine



‚Endlich Wochenende‘ denkt sich Herr Krüger und verspürt einen Motivationsschub, als er nach Hause fährt. Auch wenn der Lehrerjob keinen richtigen Feierabend kennt, weil er sich grundsätzlich von den Jobs unterscheidet, die an klassische Büro- oder Öffnungszeiten gebunden sind, bietet das Wochenende doch in der Regel gewisse Freiräume: Ausschlafen, in Ruhe mit unzähligen anderen Menschen durch Ikea schlendern, sich in einer Einkaufsmeile mit Menschenmassen tummeln, sich im Supermarkt in die Pfandflaschenrückgabeschlange stellen ... ja, so ein Wochenende ist schon reizvoll.
Für diesen Abend ist Herr Krüger verabredet, um endlich mal wieder ins Kino zu gehen und in eine komplett andere Welt abzutauchen ... dachte Herr Krüger, irrt sich aber gewaltig. Noch vor dem Betreten des Kinos sichtet er die ersten drei Schüler aus seiner Schule. Sie haben ihn nicht bemerkt – noch nicht. Herr Krüger drückt sich ein bisschen an den Wänden der Gänge entlang und bemüht sich, nicht weiter aufzufallen, obwohl er ja grundsätzlich alles andere als schülerscheu ist. Seine Bemühungen zeigen den gewünschten Erfolg und er schafft es erfolgreich bis in den Kinosaal. Hier ist noch nicht sehr voll und so bleibt noch ein bisschen Zeit zum Reden bis ...

Vier Mädchen im klassischen Teenageralter möchten passieren und lassen sich ausgerechnet neben Herrn Krüger nieder. Bis eben saß er noch unter Fremden, mehr oder weniger erwachsenen Menschen, von denen er außer seiner Begleitung niemanden kannte. Die vier Girlys kennt er zwar auch nicht, da sie allerdings unmittelbar nach der Einnahme ihrer Plätze synchron ihre Handtaschen auf dem Schoß platzieren, die Handys zücken und parallel noch miteinander quatschen, rutscht Herr Krüger bereits auf seinem Sitz hin und her. Als es dunkel wird und die Werbung anläuft, hofft er auf Ruhe, die ihm aber von seiner unmittelbaren Nachbarin nicht gegönnt wird. Ohne Rücksicht auf Verluste lässt sie den Spot ihres Handys aufblitzen.
‚Du hast dein Handy doch gerade erst weggesteckt, Mädchen‘, denkt Herr Krüger, aber seine Nachbarin hat wichtige Nachrichten zu schreiben, die Herr Krüger einfach mal mitliest. Wenn sie schon so penetrant im Kino schreibt, muss sie auch damit rechnen, dass ihr Nachbar mitliest – basta! „bin kino, süße, er ist nicht gekommen.“ ‚Als wenn das jetzt so wichtig ist, das hätte ja nun auch echt Zeit bis nach dem Kinobesuch gehabt.‘ Endlich steckt sie ihr Telefon weg und Herr Krüger entspannt zusehends. Coole Werbung, Herr Krüger rutscht tiefer in den Sitz ... smash ... wieder leuchtet das Handydisplay seiner Nachbarin. ‚Was denn jetzt noch, Mädel?‘ dreht Herr Krüger seinen Kopf nach links. „was guckst du denn für ein film?“ liest er die Nachricht ihrer Freundin. ‚Klar, natürlich keine Rechtschreibung und Grammatik beachtet ...‘ Herr Krüger war gerade auf dem Weg abzuschalten und jetzt fährt dieses kleine Biest neben ihm seine gedanklich-schulische Festplatte doch wieder hoch. Natürlich schreibt sie zurück, aber Herr Krüger kann nicht weiter mitlesen, weil er von den nächsten merkwürdigen Gestalten abgelenkt wird: „Stößchen ...“ hört er von hinten ein halbes Dutzend Frauen in den Endvierzigern, die mit echten Sektgläsern anstoßen. Kling – kling – kling – kling ... ‚Hört das nochmal auf? Sind wir hier in der Kneipe oder im Kino und wo habt ihr überhaupt die Sektgläser her?‘ Herr Krüger’s Festplatte ist nun hochgefahren und umfeldbedingt stehen all seine üblichen Antennen auf Empfang. „Lasst mich doch bitte alle in Ruhe ...“ Jetzt kramt das Mädel neben ihm in seiner Handtasche und knistert irgendeine Tüte mit figurfeindlichem Gummikram auf. Ein kurzer Blick auf ihre Statur zeigt, dass sie das öfter macht. Ihre figurbewusste Phase scheint dieses Girly noch nicht erreicht zu haben. ‚Außerdem nervt dein Geknister‘ denkt Herr Krüger – sichtlich genervt. Als die Tüte endlich auf ist und in die Richtung der anderen drei Mädels wandert, wird es endlich ruhiger.

Schließlich gelingt es den Hauptdarstellerinnen des Films, Herrn Krüger abzulenken und auch seine Nachbarin scheint letztlich entschieden zu haben, dass sie ruhig mehr vom Film sehen könnte, wenn sie schon mal Eintritt bezahlt hat. Herr Krüger richtet seine Aufmerksamkeit mehr und mehr zur Kinoleinwand und nimmt nur noch halb wahr, dass seine Nachbarin etwa zur Halbzeit des Films sogar noch ihre viel zu große Handtasche vom Schoß nimmt.

Fazit: Glücklicherweise ist Herr Krüger irgendwann doch noch ganz im Film versunken und hat alles andere um ihn herum ausgeblendet. Erst nach dem Film, als er die drei Knaben wiedersieht, die er vor dem Film erspäht hat, wird ihm bewusst: Lehrer sind irgendwie nie alleine!

Dienstag, 3. März 2015

Elternabend



Da Herr Krüger eine neue siebte Klasse bekommen hat, beginnt für ihn auch wieder der Kreislauf der Elternabende. Kurz vor dem ersten Elternabend erzählt Herr Krüger seiner Kollegin Frau Knick von seinen Erfahrungen in der Vergangenheit. „Weißt du, als ich noch in Kreuzberg gearbeitet habe, dauerten die Elternabende selten besonders lange. Von meinen 30 Schülern, waren ungefähr ein Dutzend Eltern da, von denen wiederum die Hälfte Cousins, Cousinen oder notfalls ihre Kinder mitbrachten, damit diese übersetzen konnten, was ich so gesagt habe. Und da ein Großteil der Eltern trotzdem nicht sonderlich viel verstanden haben dürfte, gab es auch wenig Nachfragen oder Diskussionen.

Das Kontrastprogramm habe ich dann hier im Bezirk erlebt. Der erste Elternabend damals in der siebten Klasse hatte Züge einer Massenveranstaltung, zu der zwei Eltern pro Schüler der Standard waren. Demzufolge mussten wir Stühle aus Nachbarräumen herbeischaffen und bildeten im Klassenraum so eine Gemeinschaft, die der von Sardinen in einer geschlossenen Konservendose gleicht. Allerdings konnten wir damals keinen Deckel aufdrehen, sondern nur Fenster und Türen öffnen, was mit fortschreitender Stunde auch nicht ausreichte, um genügend Sauerstoff in den Raum zu lassen. Stattdessen gab es immer jede Menge Zündstoff, den die Eltern im Gepäck hatten – warum auch immer. Immerhin, einige wenige Eltern gab es, die auch mal Worte der Anerkennung äußerten oder heimlich kleine Geschenke überreichten. Dies war wenigstens ein kleines Gegengewicht für die zahlreichen verbalen Tomaten und Orangen, die einige Eltern regelmäßig per E-Mail und auf Elternabenden warfen.

Aber diese Klasse bin ich ja mittlerweile los und die Eltern müssen jetzt alleine mit ihren Kindern zurechtkommen bzw. die Kinder mit ihren Eltern. jetzt bin ich ja hier. Mal sehen, was die neue Klasse für eine Elternschaft zu bieten hat.“



Schließlich ist der Termin gekommen und Frau Knick und Herr Krüger haben zum ersten Elternabend geladen. Einer der wichtigsten Tagesordnungspunkte ist die Wahl der Elternvertreter, schließlich ist es deren Gremium, innerhalb dessen sich die Eltern gegenseitig austauschen und aktiv werden sollen. Der Abend läuft gut an, die Beteiligung ist hoch, fast alle Eltern sind da und signalisieren Interesse. Dennoch war Herrn Krüger vorher schon klar, was zu einem bestimmten Zeitpunkt passieren würde und er behielt auch dieses Mal wieder Recht. Als es um die Wahlen der Elternvertreter geht, gleichen die Verhaltensweisen der Eltern dem Tarnverhalten im Tierreich. Diese passen sich im Tarnfalle ihrer Umgebung an und halten möglichst still. Heute bedienen sich die Eltern alternativer Tarntechniken. Die am häufigsten zu beobachtende Reaktion ist das schlagartige Abbrechen des Augenkontakts mit Frau Knick und Herrn Krüger. Wie durch einen synchronisierten Zufall müssen sich urplötzlich viele Eltern Notizen machen, einen kurzen, aber immens wichtigen Blick aufs Handy werfen oder noch mal in einem der ausgegebenen Merkblätter nachlesen. Andere Eltern nutzen die Vogel-Strauß-Politik und stecken den Kopf zwar nicht in den Sand, halten aber äquivalent die Hände vor die Augen in der Hoffnung vortäuschen zu können, dass Sie sich gerade in diesem Moment sammeln und sich dafür über ihr müdes Gesicht streichen müssen. Dass auch dieses eine Strategie ist, um nicht benannt oder angesprochen zu werden, ist Herrn Krüger seit Jahren nicht unbekannt. 

Lustigerweise wiederholt sich dieses Szenario zu jedem Elternabend aufs Neue, wenn es um das Schreiben des Protokolls geht, auch an diesem dritten Elternabend. Die Zahl der teilnehmenden Eltern ist bereits zurückgegangen und an die Stelle der Elternvertreterwahlen ist das Schreiben des Protokolls getreten. Als die Elternvertreter – ja, es haben sich schließlich doch noch welche gefunden – die Frage nach dem Protokollanten stellen ... zack ... brechen nahezu alle Blickkontakte ab und alle halten die Luft an. Nach einer Phase betretener Stille und Atemlosigkeit äußert eine Mutter vorsichtig: „Wenn mir jemand einen Stift gibt ...“ Beinahe reflexartig schnellt der Arm ihres Nachbarn herum und legt ihr einen Kugelschreiber hin. Das klackende Geräusch des Kugelschreibers lässt die übrigen Eltern einatmen, aufatmen und entspannen. Wieder einen Elternabend ohne Pflichten überstanden, wobei ... noch nicht ganz.



Die verschiedenen Punkte der Tagesordnung werden abgearbeitet, als zum Thema ‚Stimmung in der Klasse‘ plötzlich ein Vater querschießt. Sein Sohn ist neu in der Klasse, der Vater also auch und – er erzählt gerne. So berichtet er an dieser Stelle ausführlich über die Erfahrungen seines Sohnes an der Grundschule, bringt seine persönliche Meinung ein und redet und redet und redet ... Ja, auch solche Eltern gibt es. Immer so ein oder zwei, die sich gerne reden hören bzw. gerne die individuellen Erlebnisse einbringen möchten. Herr Krüger beobachtet, wie einige Eltern bereits gähnen, auf die Uhr schauen und untereinander zu quatschen anfangen. ‚Ist ja wie am Vormittag‘, merkt Herr Krüger und greift diplomatisch ein, um die übrigen Eltern zu erlösen. Erfolgreich – zum Glück. Aber nur für heute. Wer weiß, was zum nächsten Elternabend Unvorhergesehenes passiert ...

Montag, 2. März 2015

Katz & Maus



Es klingelt. Wieder einmal ist eine Schulstunde zu Ende gegangen, in der viel Wissen angeboten und einiges davon sogar transportiert wurde. Wieder einmal haben Schüler Aha-Effekte erlebt oder auch durchgeschlafen und wieder einmal bietet sich eine Gelegenheit, Katz‘ und Maus zu spielen. Dabei ist diese Gelegenheit keine, die eine der beiden Parteien gezielt ergreift, sondern eher eine, die sich aus den Spielregeln ergibt.
Zahlreiche Schüler haben schon von der verbotenen Frucht – der Zigarette – genascht und sind nahtlos in die Sucht verfallen, sodass sie je nach Ausprägung ihrer Sucht auch im Schulalltag nach der nächsten Ladung Suchtmittel geiern. So sucht sich also auch Maik eine ruhige Ecke, macht sie zur rauchigen Ecke und ist damit in die Rolle der Maus geschlüpft, die heimlich am verbotenen Käse nagt.
Zur etwa derselben Zeit macht hat Herr Krüger seine Tasche im Lehrerzimmer deponiert, verlässt dieses aber auch unmittelbar wieder, denn natürlich fehlt Maik noch ein Gegenspieler: die Katze. Herr Krüger, der sich rein dienstlich das Katzenkostüm übergestreift hat, ist im Spiel.
Er startet seine Patrouillengänge wie gewohnt an der hinteren Wendeltreppe des Gebäudes, zumal sein Dienstherr sein Revier im Erdgeschoss abgesteckt hat. Sein erster Gang führt ihn die Wendeltreppe hinunter zum Hinterausgang, aber er hat Pech, keine Maus zu sehen. Offenbar hat er seine Pause zu früh begonnen. Eigentlich hat er Glück, denn diese hässlichen Rangeleien zwischen Katze und Maus haben irgendwie nie diesen typischen Spielcharakter, bei dem man in der Regel ja auch Spaß hat. Stattdessen gibt es ein ewiges Hin und Her, bis einer von beiden dann doch gewinnt und der andere disqualifiziert wird. Na gut, doch ein Spiel.
Herr Krüger, der weder das Spiel noch die Regeln jemals besonders interessant fand, setzt seinen Rundgang fort und schreitet den Gang entlang. ‚Mal sehen, ob hinter dieser Tür ...‘ er erreicht eine weitere Hintertür, die unmittelbar auf die Straße hinter der Schule führt und ahnt bereits, dass er zwei Beutetiere hinter der Tür erwischen wird. Die kleinen Mäuschen haben mittlerweile ihre Techniken entwickelt und so bemerkt Herr Krüger einen mittelgroßen Stein, der in der Tür liegt, damit diese nicht zufällt. Herr Krüger stößt die Tür auf und ... ja, Annemarie und Leila aus der 9.3 stehen vor der Tür und ziehen genüsslich an ihren Glimmstängeln, zumindest bis eben. Wie das aber so ist, wenn Mäuse eine Katze sehen, sie ergreifen unmittelbar die Flucht, lassen alles fallen und geben Fersengeld. So auch in diesem Falle, sodass Herr Krüger sich die Namen der beiden merkt und seinen Rundgang fortsetzt.
Weiter das Spielfeld abschreitend, schlendert er mehr oder weniger zügig den Gang entlang, weiterhin halbfreiwillig auf Beutezug. Bei der Kontrolle der nächsten Klassenräume hat er Glück, sie sind alle verschlossen, wird aber bei der Mädchentoilette fündig, die so klein ist, dass ihre Tür meistens offen steht und sich meist eine Traube von Mädchen davor sammelt. Im Vergleich zu eben, bewegen sich diese Mäuse langsamer; zu Recht, schließlich gibt es für solche Fälle die Redewendung von der Trägheit der Masse. Und dass Mädchen immer zu mehreren die Toilette aufsuchen, ist ja hinreichend bekannt. Herr Krüger wartet also geduldig, bis alle Mädchen gezwungenermaßen auf dem Schulhof verschwunden sind und sieht sich im Foyer um, wo sich tatsächlich ein paar weitere Mäuse versteckt haben – hinter den Säulen. ‚Wie raffiniert‘ denkt Herr Krüger gelangweilt, hat die Betroffenen natürlich längst erkannt und nennt sie beim Namen. Die beiden Jungs haben nun wirklich gespielt, wenn auch nicht besonders originell.
Letzte Station auf dem Spielfeld ist der Blick vor den Haupteingang. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass dies eine offenbar sehr beliebte Ecke ist, in die sich die Mäuse verkriechen. Herr Krüger visiert die Tür schon an, als ... rrrrrring ... es zum Pausenende klingelt. Da Herr Krüger rüber in den Bio-Raum muss, entschließt er sich, auf dem Absatz kehrt zu machen und keinen Blick mehr vor die Tür zu werfen. In diesem Augenblick öffnet sich diese und Herr Krüger dreht sich um, um zu sehen, wer da das Gebäude betrifft. Und siehe da ... zwei weitere Mäuse, die garantiert ihrer Sucht gefrönt haben. Eigentlich könnte man sie auch als Ratten bezeichnen, denn es sind keine Unbekannten. Nicht nur Herr Krüger, auf die anderen Kolleginnen und Kollegen haben die beiden schon oft erwischt und nicht selten gab es große Konflikte, weil diese beiden nicht nach den Regeln spielten, auch nicht ihre Eltern.
Aus diesem Grund verlässt Herr Krüger ohne ein weiteres, gebetsmühlenartig ermahnendes Gespräch das Spielfeld, Maik hat er dieses Mal auch nicht erwischt, vielleicht ist er einem anderen Kollegen zwischen die Klauen geraten. Herr Krüger jedenfalls zieht im Lehrerzimmer erleichtert seinen Katzenpelz aus.
Aufsichten machen keinen Spaß!

Sonntag, 1. März 2015

Mangelerscheinungen



Irgendwie bricht sie nicht ab, die Ereigniskette rund um die Ubiquität des Handys. Herr Krüger dachte, dass er an der neuen Schule diesen Punkt weitgehend hinter sich lassen kann. Aber nein, zu früh gefreut. Es ist Freitag, das Wochenende steht vor der Tür und Herr Krüger hat seinen Dienst bereits für diese Woche abgeleistet, zumindest in der Schule. Er plaudert im Lehrerzimmer nur noch ein bisschen mit Kollegen, schielt noch einmal in sein Fach, ob neue Aufgaben verteilt wurden usw.
Als er sich unfern der Tür mit einer ehemaligen Kollegin, die gerade zu Besuch gekommen ist, unterhält, klopft es. „Ja bitte?“ Herr Krüger öffnet und sieht in das Gesicht einer unbekannten Schülerin. „Ist Frau Kluge hier?“ Obwohl Herr Krüger weiß, dass sie nicht da ist, dreht er sich bereitwillig um, schaut – wie im Straßenverkehr – einmal nach links, dann nach rechts und noch einmal nach links, muss aber dennoch passen. „Nein, tut mir leid, sie ist im Moment nicht hier.“ „Wissen Sie, wo sie gerade ist?“ „Nö, muss ich?“ Die Schülerin steht sichtlich unter Stress. „Ich muss sie aber unbedingt sprechen, wer kann denn wissen, wo sie jetzt ist?“ „Also ich nicht“, wiederholt Herr Krüger, „eventuell weiß es jemand im Sekretariat ...“ Schwups, weg ist sie.
„Was die jetzt wohl noch so Dringendes vor dem Wochenende klären muss ...“ nimmt Herr Krüger das Gespräch wieder auf!? Doch kaum drei oder vier Sätze später, klopft es erneut – dieses Mal etwas hektischer. Wieder öffnet Herr Krüger, wieder steht besagter Teenager vor der Tür, präsentiert sich aber mit einem Gesicht, das stärker durchblutet ist als gerade eben noch. „Ist Frau Kluge hier?“ „Das hab ich dir doch gerade gesagt, nein, immer noch nicht. Was ist denn so wichtig, dass du sie unbedingt in diesem Augenblick sprechen musst?“ „Ja, sie hat nämlich mein Handy ...“ „Ach sooo ...“ sinkt Herrn Krügers Neugier, „es geht wieder mal ums Handy.“ Herr Krüger, aber auch die Kollegin, die nun ein zweites Mal auf ihren Gesprächspartner wartet, wird klar, dass diese Schülerin im Begriff ist zu hyperventilieren. Die Kollegin kann es sich nicht verkneifen: „Wir haben sie nicht versteckt, die Frau Kluge.“ Dann dreht sie sich zur Seite und ruft ergänzend und demonstrativ unterdrückt: „Bleib unten, Katja, ich sag dir, wenn sie weg ist!“ Leichtgläubig und von ersten Mangelerscheinungen beeinflusst, will die Schülerin das Lehrerzimmer entern und in die Ecke gucken, in der sie Frau Kluge vermutet. Herr Krüger kann sie gerade noch aufhalten. „Sie ist nicht da, glaub es uns doch!“
„Du wirst das Wochenende wohl ohne dein Handy überstehen müssen“ mischt sich die Kollegin noch einmal ein. „Versuch’s doch mal in Raum 115, ich glaube, da hatte ein Kollege sie vorhin gesehen“, rät Herr Krüger. Wieder ist das Mädchen schlagartig verschwunden und Herr Krüger hört noch, dass sie zu besagtem Raum mittlerweile rennt. „Alles klar, hoffen wir nicht, dass sie gleich mit einer Panikattacke zurückkommt, weil sie Frau Kluge dort auch nicht getroffen hat ...“ wendet sich Herr Krüger ein weiteres Mal an die wartende Kollegin. „Du, ich muss jetzt leider auch langsam mal zusammenpacken; was man hier immer für Zeit lässt in der Schule ...“
Alles Hoffen half nichts und so erlebt Herr Krüger, dass Trommeln die Steigerung von hektischem Klopfen ist. Dieses Mal öffnet Frau Kracht, die kurz zuvor das Lehrerzimmer betreten hat. „Ist Frau Kluge hier ...?“ hört man das Mädchen japsen. „Nein, Marie“, antwortet Frau Kracht, die die Schülerin offenbar kennt, „aber was ...“ In diesem Augenblick klappt Marie zusammen und Frau Kracht kann sie nur noch auffangen. Auch Herr Krüger und die Besucherkollegin haben den Kollaps mitbekommen und eilen herbei, um zu helfen. Während Marie in den Armen von Frau Kracht hängt, versucht diese, ihre Schülerin irgendwo abzusetzen. Herr Krüger schiebt ihr einen Stuhl hin, sodass das Mädchen schließlich zwischen den beiden Armlehnen hängt.
Ihre Augen bewegen sich hektisch in ihrem blutleeren Gesicht hin und her. Durch ihren halb geöffneten Mund atmet sie überdurchschnittlich schnell. „Sie hyperventiliert“, erkennt Frau Kracht, „besorg mir mal eine kleine Tüte, Andreas“ beauftragt sie Herrn Krüger. „Mein Handy ... wo bin ich ...“ hört man Marie leise fragen. Jetzt beginnt auch noch ihr linkes Augenlid zu zucken – ein Tick. Frau Kracht bemerkt, dass Marie ungesteuerte Phantombewegungen mit ihrem Daumen macht. Offenbar glaubt sie, ihr Handy in der Hand zu halten und eine Nachricht zu schreiben. „Wie erschreckend, sowas gibt’s also auch schon“, seufzt Frau Kracht. „Hier, die Tüte.“ Herr Krüger hat eine Papiertüte aufgestöbert, in der eine Kollegin bisher verschiedene Wollknäuel aufbewahrt hat. Frau Kracht setzt sie augenblicklich an Maries Mund. „Komm, atme hier rein, schön langsam, das wird schon wieder ...!“ „Andreas, hol mal ein Glas Wasser, Marie hat einen ganz trockenen Mund.“ „Ich muss mein Handy zurückholen ... Frau Kluge ... mir ist schwindelig ...“ hört man Marie nuscheln. „Jetzt hör mal auf zu reden und atme ... gaaanz langsam.“
In diesem Augenblick betritt Frau Kluge den Raum. „Was ist denn hier los?“ fragt sie mit einem Blick auf Marie, die wie ein Schluck Wasser auf einem der gepolsterten Stühle hängt und deren Beine mittlerweile schlaff auf einen zweiten gebettet wurden. „Marie sucht dich seit knapp einer halben Stunde, weil du angeblich ihr Handy hast.“
Marie selbst hat mittlerweile aufgehört zu hyperventilieren und ist in einen apathischen Schockzustand gefallen. „Das kann doch nicht wahr sein. Ich habe ihr ganz klar gesagt, dass ich es nicht vor 14 Uhr schaffe, im Lehrerzimmer zu sein und dass sie bis dahin warten muss, wenn sie ihr Telefon wiederhaben will. Dabei hätte sie es einfach nur mal in ihrer Handtasche lassen müssen, aber nein ... ach, was rede ich ... das ist ja nun kein Grund, hier gleich zusammenzuklappen!“
Um die Sache zu beenden und in der Hoffnung, jetzt nicht durch die mangelhafte Fähigkeit Maries zuzuhören, noch länger auf ihr Wochenende warten zu müssen, zieht sie Maries Handy aus der Tasche und legt es ihr in die Hand.
Augenblicklich umfasst Marie wie einen Handschmeichler ihr Handy, ertastet es von allen Seiten und presst es mit dem letzten bisschen Kraft, die sie gerade noch hat, an sich. Mittlerweile sind auch die Soforthelfer aus der Oberstufe eingetroffen, die von der Kollegin gerufen wurden, die irgendwann gar keine Chance mehr auf das Gespräch mit Herrn Krüger hatte. Sie legen Marie auf eine Trage und schieben Sie ins Krankenzimmer.
„Puh, das war ja was ganz Neues. Hat einer von euch schon mal erlebt, dass jemand so extrem auf die Abwesenheit seines Handys reagiert? Also, ich noch nicht“, guckt sich Herr Krüger in dem Grüppchen der Lehrer um, die mittlerweile im Lehrerzimmer angekommen sind. Allgemeines Kopfschütteln.
Nachdem auch Herr Krüger die letzten Sachen zusammengepackt hat, schlendert er Richtung Hauptausgang und läuft den Eltern von Marie in die Arme, die offenbar auch verständigt wurden.
„Entschuldigung, wissen Sie vielleicht, wo unsere Tochter ist? Sie heißt Marie ...“ „Ja, Sie finden Sie im Aufwachraum. Machen Sie sich keine Sorgen, sie hatte nur einen akuten Anfalls von Calamitasie; Sie wissen schon, Verlustangst, die sich auf ein Objekt bezieht. Sie zeigte massive Mangelerscheinungen, weil sie ihr Handy nicht unentwegt am Körper trug. Sie hat’s inzwischen zurück, insofern ... aber machen Sie sich selbst ein Bild, wiegesagt, sie ist im Aufwachraum, alles Gute!“