Mittwoch, 24. Juni 2015

... denn sie wissen nicht, was sie tun




Die Tür fliegt auf. Obwohl es nicht brennt, kommt – scheinbar aus dem Nichts – ein Wasserstrahl aus dem Off des Schulflures. Lautes Kreischen! „Meine Federtasche ...“, „... meine Wimperntusche ...“, „... meine Frisur ...!!“ Helle Aufruhr bei den Mädchen, während die Jungen zwar auch schützend die Hände hochreißen, jedoch mit ihren Verbaläußerungen weitaus ökonomischer sind. Herr Krüger erträgt die Unterbrechung mit der gebotenen Gelassenheit, wird ihm doch klar, dass er gegen den Streich der Abiturienten 2015 in diesem Moment eh nichts ausrichten kann.

Während die Mädchen binnen kürzester Zeit Handspiegel, Schminkutensilien und Handys gezückt haben, um sich äußerlich wieder herzurichten, hat sich Herr Krüger eine zentrale Position in der Klasse verschafft, um zumindest soweit wieder Ruhe herzustellen, dass er den unterrichtlichen Gedanken zu Ende führen kann.

Doch als dieser Gedanke nur halbwegs zu Ende geführt zu sein scheint, merkt man die Unruhe der Schüler, die bereits zusammenpacken, denn – was Herr Krüger nicht mitbekommen hat – alle Schüler wurden aufgefordert, den Sportplatz aufzusuchen. Kurzerhand gibt er klein bei: „Was soll’s, dann geht mal auf den Sportplatz ...“ Keine 60 Sekunden später ist der Klassenraum leergefegt, auf dem Gang herrscht ein heilloses Durcheinander und immer mehr Klassen wuseln hin und her.

Zugegeben – auch Herr Krüger ist ein bisschen neugierig und so schlendert er ebenfalls Richtung Sportplatz. Auf dem Weg dorthin weicht er wie auf einem Parcours immer wieder den Wassergeschossen der Abiturienten aus, die an allen strategisch wichtigen Punkten mit Wasserpistolen stehen, um alle potentiellen Schüler auf der Flucht vom Schulgelände in ihre Schranken zu spritzen und dazu zu bewegen, den richtigen Weg – auf den Sportplatz – einzuschlagen.

Auf dem Sportplatz selbst herrscht ein absolutes Tohuwabohu. Keiner weiß so richtig Bescheid, nicht einmal das Organisationskomitee. Abiturienten sind im Taumel der Freude, die Mittelstufenschüler beglückt über die Unterbrechung des Schulalltags. Binnen kürzester Zeit wird Herrn Krüger demonstriert, dass sich genau diejenigen Schüler aus der Mittelstufe narrenfrei bewegen, die auch sonst über die Klassen hinaus auffällig und bekannt sind. Auch sie halten mittlerweile Wasserbomben in den Händen, jagen sich gegenseitig und bewerfen sich bis auch sie klitschnass sind.

Währenddessen patrouillieren die Abiturienten weiterhin mit Spritzpistolen und Wasserbomben. Allerdings weiß keiner so richtig, wie es jetzt weitergehen soll. Einer verweist auf den anderen, als Herr Krüger sich erkundigen will. Während er sich noch nach seinen Schützlingen umguckt, trifft ihn ein Wasserstrahl von hinten am Hals. Herr Krüger zuckt zusammen, zwei Dutzend Schüler freuen sich, dass der Schütze einen Treffer gelandet hat. In diesem Moment tönt es von der anderen Seite: „Joo, Herr Krüger, machen Sie mit ...“ Drei bis vier Hände schieben ihn plötzlich neben eine der Lautsprecherboxen, die dort aufgebaut sind und den Sportplatz beschallen. Ehe er sich recht besinnen kann, wird ihm eine Kollegin an die Seite gestellt, die ihn mit einer Rolle Toilettenpapier einwickeln soll. Ziel ist es, die Rolle schnellstmöglich um den Kollegen zu rollen und gegen ein zweites Kollegenpaar zu gewinnen. Dann ertönt das Startzeichen und Herr Krüger spürt das Papier wie einen Kopfverband um Stirn und Augen gewickelt. Schon bei der zweiten Umdrehung sieht er fast nichts mehr und erhält die Order, sich zu drehen. Gesagt, getan und so dreht sich Herr Krüger beinahe in Trance, angespornt von den Rufen der anfeuernden Schüler und seinem eigenen Ehrgeiz, den Wettkampf zu gewinnen bis ... tatsächlich, Herr Krüger und Kollegin Schmaling gewinnen eine Dose Limo.

Als Herr Krüger sich nach dem Sieg umguckt, um weitere Schauplätze des bunten Abituriententreibens zu erhaschen, erblickt er in der Ferne Schüler, die durch ein Loch im Zaun sowie an einer anderen Ecke über den Zaun türmen. Ist es schon so weit, dass Jugendliche vor einem Fest flüchten, weil sie nicht einmal mehr mitfeiern können?

Alternativ wird Herrn Krüger angeboten, auf der Lehrertribüne Platz zu nehmen, einem Tisch, der unmotiviert auf dem Sportplatz steht. Das Plaudern mit einer Hand voll Kollegen, die mitten im Trubel Aufsicht führen macht Spaß, was den Abi-Streich betrifft, bleibt Herrn Krüger nur ein Schluss: „... sie wissen nicht, was sie tun!“

Sonntag, 21. Juni 2015

Papa



Eigentlich sollte es ein ruhiger Tag werden. Herr Krüger hat vor einer Woche einen Test angesagt – in Bio. Und dennoch ist es wie immer: Die meisten sind auf den Test eingestellt, einige fallen aus allen Wolken und versuchen, den Test zu verschieben, indem sie Herrn Krüger zu bequatschen versuchen. Eine Schülerin erklärt, dass sie den Test gar nicht mitschreiben kann, weil sie vor zwei Wochen in zwei Stunden gefehlt habe usw. Selbstverständlich sprechen alle gleichzeitig, während Herr Krüger versucht, die Voraussetzungen für eine Leistungskontrolle herzustellen; Tische umstellen, Schüler umsetzen und so. Kurzum – der übliche Wahnsinn.
Schließlich fällt der Startschuss und Herr Krüger teilt alle Blätter aus, ermahnt zur Ruhe und stellt einen Countdownzähler ein, damit alle Schüler, denen nichts mehr einfällt, wenigstens rückwärts zählen lernen. Ungefähr 30 Sekunden, nachdem die Klasse zur Ruhe und Konzentration gefunden hat, fliegt die Tür auf und Emma kommt hinein und gleichzeitig aus dem Mustopf.
Ganz vorne bekommt sie einen Extraplatz. Doch sie hat noch nicht genug Staub aufgewirbelt. Emma stellt nach ausgiebigem Kramen fest, dass sie keinen schreibenden Stift dabeihat. Der eine und einzige, den sie großzügigerweise in ihre Handtasche gesteckt hat, hat seinen Geist aufgegeben. Eine Schultasche als solche hat auch sie – obwohl noch in Klasse sieben – auch nicht mehr und demzufolge auch keine Federtasche mit Schreibalternativen. Stiftlos dreht sie sich daher um und nimmt halb flüsternd, halb rufend quer durch die Klasse Kontakt mit verschiedenen Schülern auf, um sich einen Stift zu organisieren. Man bietet ihr einen Textmarker, einen Edding, eine blanke Kugelschreibermine und einen stumpfen Bleistift an, wie Herr Krüger mitverfolgt. Kurz bevor Emma den Bleistift als vermeintlich geeignet in Empfang nehmen kann, mischt er sich jedoch ein, zieht mit einem Griff einen Kugelschreiber aus seiner Federtasche und hält ihn Emma hin. Diese steht auf, zieht Herrn Krüger den Stift aus der Hand und will sich wieder setzen. „Hey“, ermahnt sie Herr Krüger, „sag Danke, Papa!“ „Danke, Papa“ wiederholt Emma teils belustigt, teils an irgendwann einmal vernommene Umgangsformen erinnert. Dann endlich ... beginnt auch sie ihren Test zu schreiben.
Herr Krüger lässt seinen Lernkontrollblick über die Köpfe seiner Schüler schweifen und will sich gerade ein bisschen entspannend zurücklehnen, als Emma erneut seine Aufmerksamkeit fordert: „Herr Krüger, haben Sie ein Taschentuch für mich?“ Nach einem kurzen Moment, indem Herr Krüger in sich zusammensackt, greift er erneut zielsicher in seinen Rucksack und streckt Emma die offene Packung hin. „Danke“ will sich Emma wegdrehen. „Wie heißt das?“ hakt Herr Krüger nach? „Danke, Papa!“ kommt wie aus der Pistole geschossen zurück. In den ersten Reihen sieht man mehrere Schüler schmunzeln.
Dann kehrt wieder Ruhe ein. Ob Herr Krüger sich jetzt ein bisschen zurücklehnen kann? Von wegen. Als hätte er nur darauf gewartet, schießt Samet jetzt zum Lehrerpult. „Können Sie für mich schreiben?“ fragt er und hält demonstrativ seine Hand nach oben. Herr Krüger sieht nur kurz hin und nimmt eine anscheinend medizinisch bedingte Verbandkonstruktion wahr. Da Samets Schrift sowieso schon unter normalen Umständen kaum lesbar ist, willigt Herr Krüger ein und übernimmt den Posten des Schreiberlings, indem er alles schreibt, was Samet diktiert. Zuweilen stellen sich dabei krampfartige Zustände bei Herrn Krüger ein, wenn er grammatikalisch gänzlich unverständliche Sätze aufschreiben muss, aber Herrn Krügers Autokorrektur würde mangelnde Fairness gegenüber den anderen Schülern bedeuten. Erst jetzt bemerkt er, dass Samet nur irgendetwas um seinen Finger gewickelt zu haben scheint ... „ich habe einen Bluterguss“ rechtfertigt sich Samet. ‚Och nee‘, denkt Herr Krüger, hat aber keine Lust auf eine Diskussion.
Schließlich ist die Zeit vorbei und Herr Krüger schreibt die letzten Worte im Auftrag von Samet. Als er ihn mit den Worten „und jetzt liest du noch einmal alles Korrektur“ entlässt, grinst Samet Herrn Krüger an und sagt: „Danke, Papa!“

Dienstag, 16. Juni 2015

Heile Welt

Guten Morgen, lieber Herr Krüger.“ „Guten Morgen.“ „Hatten Sie ein schönes Wochenende?“ „Oh ja, vielen Dank, ich kann nicht klagen“ antwortet Herr Krüger überrascht über einen solch freundlichen und interessierten Dialog – sogar noch vor Unterrichtsbeginn.
Als es klingelt, stehen alle Schüler ungefragt auf, stellen sich neben den Tisch und lächeln Herrn Krüger erwartungsvoll an. Alle waren pünktlich, keiner muss gesondert aufgefordert oder ermahnt werden. Auch die Begrüßung verläuft diszipliniert und sogar nachdem die Kids Platz genommen haben, beginnen Sie nicht – wie üblich – damit, eine Jahrmarktsituation mit mannigfaltigem Gemurmel zu erzeugen, sondern sehen gespannt nach vorne in der Erwartung auf das, was Herr Krüger sich für die heutige Stunde überlegt hat.
Ich würde gerne zuerst die Hausaufgaben kontrollieren, bitte nehmt sie vor!“ Die Schüler greifen zu ihren Heftern, schlagen die entsprechende Seite auf, drehen die Hefter um, damit Herr Krüger nicht ‚auf dem Kopf‘ lesen muss und warten, dass ihre Hausaufgaben begutachtet werden. Herr Krüger schlägt sein Notenheft auf und checkt die Hausaufgaben. Nach dem ersten halben Dutzend hält er jedoch inne, guckt auf und sich um und fragt in die Runde: „Das ist schon der sechste Schüler mit einer vorbildlichen Hausaufgabe: sorgfältig geschrieben, mit Name und Datum auf dem Blatt, die Überschrift ist bei allen unterstrichen und die Inhalte sind auch gelungen. Hab ich was verpasst? Ist irgendwas passiert? Habt ihr euch abgesprochen?“ Die Schüler lächeln ihn an, schütteln vergnügt den Kopf und Herr Krüger kontrolliert weiter. Das Ergebnis: Alle 26 Schüler haben ihre Hausaufgaben vorbildlich erledigt, korrigierende Hinweise wurden interessiert aufgenommen und sofort verbessert.
Positiv überrascht und hoch motiviert steigt Herr Krüger inhaltlich mit einer Karikatur in den heutigen Stundenschwerpunkt des Unterrichts ein. Normalerweise melden sich drei, nach Aufforderung von Herrn Krüger fünf Schüler, aber heute … fast drei Viertel aller Schüler melden sich und wollen etwas beitragen. Vorbildlich beschreiben Sie zunächst die Karikatur, wie sie das in den Vorstunden gelernt haben, und steigen dann erst in die Interpretation ein, die von interessanten und kreativen Beiträgen gekennzeichnet ist. Herr Krüger fühlt tiefste innere Zufriedenheit, denn all seine Bemühungen scheinen nicht vergeblich gewesen zu sein.
Auch der weitere Unterrichtsverlauf ist erhebend, so viele Faktoren, die Herr Krüger immer und immer wieder in Vorstunden initiiert hat, kommen zum Vorschein. Melinda zickt nicht rum wie sonst, Marco quatscht nicht ständig dazwischen, sogar Piet dreht sich nicht ständig um und lenkt seine Mitschüler ab. Franka malt nicht ständig irgendwelche Bilder und Nadin bürstet sich nicht ständig ihre Haare; auch Handyprobleme gibt es heute keine.
Die Schüler reagieren auf Anweisungen von Herrn Krüger, schlagen problemlos das Buch auf, bearbeiten leise die schriftlichen Aufgaben und auch zum Stundenabschluss sind alle sehr aktiv und motiviert dabei.
Herr Krüger ist total berauscht, blüht gerade für seinen Job mehr auf denn je und will gerade ein riesiges Klassenlob über die Klasse regnen lassen, als plötzlich ein lauter Alarmton ertönt. „Feueralarm?“ fragt Herr Krüger die Klasse.
Aber seine Klasse kann nicht mehr antworten, denn Herr Krüger wacht auf. Es war sein Wecker, der ihn aus seinem Traum geholt hat – leider. An solche Zustände in seinem Unterricht hätte sich Herr Krüger gut gewöhnen können. Er seufzt einmal tief und eilt in die Dusche. Leider bleibt kaum noch Zeit, in seinem Traum von eben zu schwelgen, denn es ist schon 6.30 Uhr und die Zeit bis zur ersten Stunde wird knapp ...

Freitag, 12. Juni 2015

Allesfresser


Es gibt so Tage, an denen ist keine Zeit für gar nichts, nicht mal fürs Essen. Morgens bleibt die Zeit schon nicht, um sich ein Brot zu schmieren, unabhängig davon, dass man erst einmal die Augen soweit aufbekommen muss, dass man das Brot-Fach überhaupt findet und den richtigen Brotaufstrich wählt. Oft ist es aber auch schlicht und ergreifend zu spät. Ist man dann erst einmal am Ort der Hektik – der Schule – angelangt, war’s das eigentlich, denn Unterricht ist Unterricht und auch die Pausen sind in der Regel randvoll mit Ereignissen und gefühlten 20-30 Minischauplätzen gefüllt, ob es kleine Infos sind, Materialien, die – irgend wie immer auf die letzte Minute – in zusammengestellt werden müssen, ein Griff zum Kursheft oder zur Wandkarte und und und. Die ersten vier Stunden sind im Nu rum. Die Uhr scheint in den Pausen immer im doppelten Tempo zu laufen. Da bleibt oft nicht einmal die Zeit, um sich aufs Örtchen zurückzuziehen. Wenn man dann noch in der Mittagspause eine 45-Minuten-Aufsicht hat, kommt der Hunger unausweichlich nur – hat man nichts zu essen parat.
Auch heute ist einer dieser Tage, an denen die Zeit verdammt knapp und das mechanisch geschlungene Frühstück ziemlich spärlich war. So frisst sich der Hunger mehr und mehr durch Herrn Krügers Tag: Durch die Stunden, durch die Pausen, durch den Magen – lautstark von entsprechendem Grummeln begleitet – und schließlich sogar durch Herrn Krügers Hirn, sodass er alle paar Minuten immer und immer wieder ans Essen denkt. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Appropos stehlen. Herr Krüger hat nach fünf Stunden Unterricht und der langen Mittagspausenaufsicht endlich eine Freistunde und hat sich ins Lehrerzimmer gesetzt. Hunger! Hatte er nicht vorhin irgendwo eine Schale mit Smarties stehen sehen? Herr Krüger erhebt sich, stromert auf der Suche nach etwas Essbarem wie ein Trüffelschwein durchs Lehrerzimmer und tatsächlich. Da steht eine Schale mit Smarties. ‚Ein paar kann ich mir da bestimmt nehmen‘ denkt er sich, greift hinein und schüttelt den Rest wieder zurecht, als wäre niemand dran gewesen. Satt ist Herr Krüger von ein paar Smarties natürlich nicht, allerdings hat er noch nicht bei Ulla in der Keksdose geguckt. Diese Dose steht ein paar Tische weiter und wird relativ regelmäßig von einigen Kollegen befüllt. Zugegebenermaßen ist sie danach auch recht schnell wieder leer, aber immerhin ist sie eine gute Idee, zumindest einmal nachzugucken. Keine zehn Sekunden später hebt Herr Krüger den Deckel von der Dose und .... ja, wieder ein Treffer: Drei Schokokekse mit Marmeladenfüllung sind noch drin. Glück gehabt! Zusammen mit einem Kaffee aus dem Automaten hilft das Herrn Krüger heute über den gröbsten Hunger hinweg.
Dass er mit diesem Problem nicht alleine ist, zeigt kurze Zeit später. Kollege Klammt kommt herein, bemerkt Herrn Krüger aber nicht, der ganz in der Ecke des Lehrerzimmers seinen Platz hat und jetzt etwas liest. Zunächst nicht besonders zielgerichtet, schlendert der Kollege durch’s Lehrerzimmer, wie Herr Krüger nach einem kurzen Blick zur Tür aus dem Augenwinkel beobachtet. Doch nach relativ kurzer Zeit geht auch er wie selbstverständlich den Deckel der Blechdose, die Herr Krüger eben noch gelüftet hatte. Allerdings hat Kollege Klammt Pech, schließlich hat Herr Krüger gerade die letzten Kekse inhaliert. Möglichst gleichgültig und ohne aufzufallen schließt der Kollege die Dose wieder und wandert weiter durchs Lehrerzimmer. Für Herrn Krüger ist klar: Auch Kollege Klammt hat Hunger und streunt durch die Schule auf der Suche nach etwas Essbarem. Schließlich findet er eine Packung Kekse, die auf einem Fensterbrett stand. Er nimmt sich ein paar Kekse und verschwindet kurze Zeit später wieder. Herrn Krüger hat er nicht bemerkt.
Neugierig steht Herr Krüger auf und guckt sich die Packung Kekse an. Waren die nicht abgelaufen? Herr Krüger sucht nach dem Datum ... 06/2014 ... ‚sag ich ja‘ denkt Herr Krüger bei sich, ‚deshalb hatte ich sie verschmäht. Allerdings ... bestätigt sich mal wieder: Lehrer essen im Zweifelsfalle alles, auch dann, wenn das Naschwerk bereits sein Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat. Lehrer sind eben Menschen und Menschen – Allesfresser.

Sonntag, 31. Mai 2015

Zu Potte kommen



Eigentlich ist eine Schule ein Tummelplatz für Soziologen. Sie könnten empirische Daten erheben, die das gesamte Konzept  zur Datenspeicherung, das immer wieder Politik und Öffentlichkeit beschäftigt, komplett übern Haufen werfen könnte. Ein Großteil Beobachtungen, die die Soziologen machen würden, würden sich wiederholen, doch immer wieder würden auch Verhaltensweisen beobachtet werden, die zu keinem der vorher festgelegten Items passen würden.

„Herr Krüger ... kann ich austeilen?“ Michelle ist ganz heiß darauf, Herrn Krüger zu helfen. Dieser freut sich jedoch, wenn sie Spaß daran hat und so drückt er ihr einen Stapel Papier in die Hand, denn Arbeitsaufträge sind klar und die Schülerinnen und Schüler können eigentlich loslegen. Manchmal teilt Herr Krüger die Arbeitsblätter bewusst selbst aus. Das bedeutet für ihn zwar mehr Arbeit, ermöglicht es ihm aber, einmal mehr eine Vorbildposition einzunehmen und zu jedem ausgeteilten Arbeitsblatt ein „bitte sehr“ hinzuzufügen. Weil Michelle das aber nun heute macht, zieht sich Herr Krüger in die Beobachtungsposition zurück und lässt seinen Blick über seine Schüler streifen. Nach kurzer Zeit wird deutlich, dass Schüler eine Weile brauchen, bevor sie tatsächlich mit der Arbeit beginnen.

Da Herr Krüger Gruppenarbeit vorgesehen hat, müssen sich einige Schüler umdrehen, um ihren Gruppenpartnern gegenüber zu sitzen. Grundsätzlich kein Problem, aber dennoch sieht Herr Krüger Marco plötzlich einen Stuhl durch den Raum schleppen. „Marco, warum ...“ „Ich muss meinen Stuhl austauschen, weil der hier quietscht. Unterwegs bleibt Marco an zwei Rucksackschlaufen hängen, sodass die Marcos Weg säumenden Schüler ihn skeptisch beobachten. „Jetzt pass doch auf!“ „Was soll ich denn machen, wenn es hier so eng ist“ verteidigt sich Marco. Währenddessen setzt sich Pierre erst mal wieder sein Basecap auf, das ihm begegnet, als er seinen Hefter aus seinem Rucksack kramt. Wieder muss Herr Krüger ran: „Pierre ...“ „Ich hab nur ...“ „Setz sie einfach ab!“ kürzt Herr Krüger ab.

Endlich sitzen alle auf ihren Plätzen und man sollte eigentlich meinen, dass es still wird und alle nun auf ihren Blättern kritzeln, aber denkste! Herrn Krüger fallen Alfons und Marlon auf. Alfons hat einen Zettel auf seinem Tisch und einen Füller in der Hand, aber ... nichts passiert. Er schaut nach rechts zu seinem Tischnachbarn und tut nichts. Immerhin - Marlon arbeitet, aber Alfons ... „Warum arbeitest du nicht, Alfons?“ „Ich kann nicht, Herr Krüger, ich kann nicht auf das Infoblatt gucken.“ (Das Infoblatt liegt rechts von Marlon.) Marlon bekommt das mit reißt das Infoblatt hoch und knallt es nun links von sich auf den Tisch. „Warum hast du Marlon nicht einfach gefragt?“ zieht Herr Krüger die Augenbrauen hoch? „Ich wollte ihn nicht stören ...“ ‚Ohne Worte‘ denkt sich Herr Krüger und checkt kurz die Arbeitshaltung der übrigen Schüler ab. Als sein Blick wieder bei Alfons landet, arbeitet dieser immer noch nicht. Stattdessen fummelt er gerade an seinem Füller rum, da die Tinte alle zu sein scheint. „Hat jemand Tinte ...?“ Die ganze Klasse guckt auf. ‚Och nöö!‘ Herr Krüger seufzt. Eine Tintenpatrone fliegt quer durch den Raum und landet zwei Meter neben Alfons. „Mann, pass doch auf“ schimpft Christine genervt, weil sie sich als eine der wenigen wirklich in ihre Arbeit vertieft hat. Alfons ist indessen aufgestanden und sucht die gelandete Tinte. Schließlich hat er sie gefunden und kehrt gemächlich zu seinem Platz zurück. Er schraubt wieder an seinem Füller rum und wechselt umständlich die Patrone. Als er schließlich fertig ist, steht er auf, checkt kontrollierend Herrn Krügers Blick, der alles aufmerksam beobachtet und hält, statt zu fragen, wie selbstverständlich die Patrone hoch: „Ich werf‘ nur schnell die Patrone weg.“ An seinem Platz angekommen wirft Alfons einen kurzen Blick auf sein Blatt, Marlon und den Infotext, steht dann erneut auf und geht zu Herrn Krüger: „Kann ich mir die Hände waschen?“ Er zeigt seine Hände, auf denen ganze drei kleine Tintenflecke zu sehen sind. Blitzschnell zieht Herr Krüger ein Taschentuch vor: Das muss reichen, die Hände kannst du dir in der Pause waschen.“ Nicht so ganz zufrieden trottet Alfons auf seinen Platz zurück, wischt ein bisschen an seinen Händen rum, knüllt das Taschentuch zusammen und wirft es Marlon auf sein Blatt. „Ey ... lass deinen Dreck bei dir ...“ Als Alfons Herrn Krügers Blick bemerkt, rechtfertigt er sich mit Unschuldsmiene: „Ich hab das Taschentuch hier nur hingelegt ...“ „Schon klar, Alfons, ich guck dir schon eine Weile zu und ich hab sehr gute Augen ...“

Nach einem Blick auf seine Armbanduhr erhebt Herr Krüger schließlich seine Stimme über die Klasse: „Schreibt bitte den Satz zu Ende, damit ich euch sagen kann, wie es weitergeht.“ Mit einem Seitenblick nimmt Herr Krüger Alfons wahr, der eine ‚Wie-soll-ich-denn-da-arbeiten-wenn-Sie-einem-so-wenig-Zeit-geben-Geste‘ macht. Als Herr Krüger einen kurzen Kontrollgang durch die Klasse macht, zeigt sich, dass Alfons gerademal das Datum auf sein Blatt geschrieben hat.

Und er fragt sich: ‚Sollte Unterricht doch lieber in Einzelzellen wir früher im Sprachlabor stattfinden, weil einige Schüler nicht zu Potte kommen?‘