Freitag, 13. Februar 2015

Liebesbrief



Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist vielseitig. Der Lehrer gibt Zensuren, er erzieht, er ist Berater und oft auch Therapeut. In welchen Fällen er die eine oder andere Funktion ausübt, hängt sehr von der Chemie zwischen beiden ab. Lieblingslehrer und solche, über die ein Schüler oder eine Schülerin sagen würde „... oh, ich hasse ihn ...“ oder „Das ist die schlimmste Lehrerin, die ich jemals hatte!“ wird es immer geben und das ist auch gut so – findet jedenfalls Herr Krüger. Irgendwann müssen schließlich alle Heranwachsenden ja lernen, welche Vielfalt es im zwischenmenschlichen Bereich gibt und wie man angemessen mit den unterschiedlichen Personen und Charakteren umgeht.

Natürlich macht Herr Krüger auch von seiner Seite solche Erfahrungen – regelmäßig! Lieblingsschüler soll es ja nicht geben, aber in der Praxis zeichnet sich in der Regel dennoch sehr schnell ab, mit welchen Schülern man einfach und unkompliziert arbeiten und kommunizieren kann und bei welchen aus beinahe jedem Dialog ein Streitgespräch wird.



Herr Krüger macht gerne Sprüche. Nachdem der Job des Lehrers sich in den letzten Jahren sehr verändert hat, der Lehrer dichter an den Schüler gerückt ist und mehr als Lernberater fungiert, hat sich dieses auch auf die Wortwahl ausgewirkt. Und so spickt Herr Krüger seinen Unterricht gerne mit ironischen Sprüchen, Formulierungen zweideutiger Aussagen oder maßlosen Übertreibungen. Sätze wie „Glaubst du eigentlich, dass der Gashahn besser funktioniert, wenn du ihn ständig auf- und zudrehst?“ oder „Wenn du weiterhin auf dem Arm von Natalie rumhämmerst, ist sie bald bekloppt“ oder auch „Ich glaube, das ist die allerschönste Zeichnung, die ich gesehen habe, seit ich Lehrer bin!“ (auf die Frage: ‚Stimmt’s, das ist die beste Zeichnung von allen aus der Klasse!‘ sind also bei ihm keine Seltenheit.



Während Herr Krüger im Rahmen des Mikroskopierunterrichts von Tisch zu Tisch geht und seine Siebtklässler beim Umgang mit dem Mikroskop sowie zum richtigen Zeichnen berät, erwischt er Marco dabei, wie er irgendeinen Text auf ein Blatt Papier schreibt. „Marco“, ulkt Herr Krüger, „schreibst du mir einen Liebesbrief oder was wird das da?“ „Nein, das ist was anderes“, antwortet dieser und lässt das Blatt verschwinden, sodass sich Herr Krüger über das nächste Mikroskop beugt und diese kleine Begebenheit schnell wieder vergisst.


Zehn Minuten später arbeitet Herr Krüger am Lehrertisch, als Marco nach vorne kommt, ihm einen Zettel mit den Worten „Sie wollten doch gerne einen Liebesbrief haben ...“ grinsend überreicht, wieder abmarschiert und Herrn Krüger beobachtet. Dieser entfaltet das Stück Papier und liest: „Lieber Herr Krüger – Sie sind der beste Lehrer allezeit. Kuss Piet + Marco“ Herr Krüger kann sich ein breites Grinsen nicht verkneifen, zumal die beiden auch noch zwei Herzen dazu gemalt haben. „Ja, ja, schon klar!“ tippt sich Herr Krüger an den Kopf und funkelt die beiden kurz an, die sich über seine Reaktion sichtlich freuen.


Herr Krüger arbeitet mit den übrigen Schülern weiter, von denen niemand weiter etwas mitbekommen zu haben scheint, bis das Stundenende naht und Herr Krüger zum Aufräumen auffordert. Als es schließlich klingelt und sich der Fachraum leert, wollen die beiden Jungs dem noch einen draufsetzen: „Herr Krüger, gucken Sie mal ...“, hört Herr Krüger und schaut auf. In dieser Sekunde formen die beiden aus ihren Händen jeweils ein Herz und rufen: „Tschüss Herr Krüger ...“, stoßen ein lautes Lachen aus und verlassen den Raum. Auch Herrn Krüger haben sie ein zweites Mal zu einem breiten Grinsen gebracht. ‚Ich hab schon ein paar echt anstrengende Schüler in meiner Klasse, aber ... süß sind sie ja irgendwie trotzdem!‘ stellt Herr Krüger fest und verlässt den Biotrakt noch immer mit einem Lächeln.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Verzettelt




"... bevor die Stunde beendet ist: Ich sammle nächste Woche eure Hefter ein, also sichtet noch einmal, ob sie komplett sind.“, appelliert Herr Krüger an seine Klasse. Ein wildes Tuscheln macht sich breit, einige Schüler kramen erschrocken in ihren Rucksäcken. „Warum die Panik“, denkt sich Herr Krüger. Als guter Beamter hatte er gelernt, wie man mit Zetteln umgeht, also mit Zetteln im DIN à 4-Format jedenfalls. Sie werden gelocht und abgeheftet. Im Bedarfsfalle – also falls es sich um thematisch zueinander gehörige Papiere handelt – kann man diese auch vorher noch tackern. Herr Krüger fragt sich, warum er das so gut kann und denkt an seine Jugend zurück. Was war denn da eigentlich so viel anders als heute ...?

Nun, es gab viel weniger Arbeitsblätter, sodass Herr Krüger noch gelernt hatte, selbst zu schreiben und ein ordentliches Blatt für seinen Hefter vorzubereiten. Mittels Lineal hatte man ihm beigebracht, einen geraden Korrekturrand zu ziehen. Die Überschrift hatte er – ebenfalls mit Lineal – immer doppelt unterstrichen und zu Hause hatte Herr Krüger (damals natürlich noch als Andreas) die Blätter sorgfältig gelocht und dann aus seiner Sammelmappe in den jeweiligen Hefter sortiert. Meistens legte er sogar noch ein Inhaltsverzeichnis an, zumindest in Biologie – seinem Lieblingsfach. Und – ach ja – früher hatten die Arbeitsblätter oft noch nach dieser geheimnisvollen Matritzenfarbe gerochen, sodass er wie viele andere Schüler erst einmal an den Blättern geschnüffelt hatte, nachdem sie ausgeteilt worden waren.



„Herr Krüger ...“ „Äh ... ja?“ Aus seinen sentimentalen Träumereien gerissen, nimmt er Yvonne wahr, die an seinem Lehrerpult steht. „Mir fehlen aber noch alle Zettel der letzten beiden Wochen, weil ich war doch krank gewesen.“ Ob der schlechten Grammatik rollt Herr Krüger kurz mit den Augen, vernachlässigt eine berichtigende Bemerkung jedoch, weil sich immer mehr Schüler einfinden, die nach nicht mehr verfügbaren Arbeitsblättern verlangen. Herr Krüger hatte sich offenbar zu lange in seine Träumereien verloren, denn jetzt erst nimmt er differenziert wahr, in welchem Zustand sich deine Klasse befindet. Seitlich an der Fensterseite bemerkt er, wie Constantin in einem großen Haufen Papier ziellos den einen oder anderen Zettel herausfischt und beiseite legt. An einigen Stellen lugen Teile einer Spirale hervor, die darauf schließen lassen, dass hier ein Konglomerat aus einigen College-Blöcken sowie der Zettelage entstanden ist. Drei Tische dahinter blättert Murat seinen Atlas durch und zieht von Zeit zu Zeit einen Zettel hervor, den er - auf einem kleineren Haufen als bei Constantin - sammelt. Währenddessen kramt Melanie in ihrer Ablage, die Herr Krüger zu Schuljahresbeginn für jeden einzelnen Schüler etikettiert und sorgfältig in einer Ecke des Raumes platziert hatte, anscheinend ebenfalls auf der Suche nach irgendetwas Blattartigem.

Wie in Trance erhebt sich Herr Krüger, scheint die Schülertraube an seinem Lehrerpult vergessen zu haben und bewegt sich im Zeitlupentempo und wie von einer unsichtbaren Faszination für das Chaos angezogen durch die Tischreihen der Klasse. Irgendwas muss doch mit all den Arbeitsblättern passiert sein, die er doch durchweg an alle ausgeteilt hatte und die jetzt an diversen Ecken verschwunden zu sein scheinen. Und tatsächlich – immer wieder erkennt er ein seinerzeit aufwändig von ihm am Computer gestaltetes, kopiertes und sogar bereits gelochtes Arbeitsblatt, das vor Eselsohren und Knicken nur so strotzt oder mit einem deutlich sichtbaren Profil eines Schülerschuhs markiert ist. Auf wieder einem anderen Blatt erspäht er ‚Tag‘‑Versuche auf dem Blattrand, die ihn erstarren lassen. Ist das nicht der Ausschneidebogen, den er so mühselig zusammengestellt hatte?! Als er am Mülleimer vorbeikommt, sieht er einen Papierflieger am Boden und hebt ihn – um eine gewisse Sauberkeit in der Klasse bemüht – auf. Kurz, bevor er ihn wegwirft, fällt ihm das Design der rechten Tragfläche auf. Es ist durch optische Täuschungen gekennzeichnet – genauso wie der Materialbogen, den er nach der letzten Bio-Stunde vermisst hatte ...



Herr Krüger beendet seine Runde durch die Klasse. Er sinkt kraftlos auf seinem Lehrerstuhl zusammen und sehnt das Klingeln herbei ..............



Rrrrrrrrrrrrrrrring - Endlich!

Dienstag, 10. Februar 2015

Prinzenrolle



Sie sind schon drollig, diese Halbstarken. Nach außen hin schlägt Herr Krüger oft die Hände über dem Kopf zusammen und ermahnt seine Schüler, wie es sein Job verlangt, nach innen amüsiert er sich aber doch fast immer. In diesem Falle sind es ganz speziell die männlichen Schüler, die sich in bestimmten Situationen immer wieder in ganz besonderer Form präsentieren.

Herr Krüger genießt seit geraumer Zeit einen Oberstufenunterricht, der weitaus weniger von lauten Zwischenrufen und sinnlosem Rumgewusel gestört wird als in der Mittelstufe. Oberstufenschüler sind anders. Sie haben ihre Wuselphase durchlebt und sind in der Mini-Max-Phase angelangt: Minimaler Aufwand, maximaler Nutzen, so lautet die Devise. Man bewegt sich nicht viel, beteiligt sich notdürftig und versucht, schriftliche Phasen auf dem Minimal-Level zu erledigen. Weibliche Teenager in diesem Alter sind da anders. Sie werden fleißiger, aktiver als in der Mittelstufe und verzichten weitgehend auf ihre Ich-bin-was-Besonderes-Rolle. Zum Glück!



Die jungen Wilden scheinen irgendwo auf dem Weg in die Oberstufe jedoch den falschen Abzweig genommen zu haben, denn sie sehen sich offenbar in der Position, eine Prinzen-Rolle einnehmen zu müssen, wie Herr Krüger immer mal wieder ansatzweise, heute jedoch deutlich vor Augen geführt wird. Die ersten Schüler seines Grundkurses haben sich bereits vor dem bisherigen Klassenraum gesammelt, als Herr Krüger den Neubau betritt und feststellt, dass der Raum besetzt ist. Er zückt seinen neuen Stundenplan und liest „T08“. Bisher fand der Kurs immer in T03 statt, aber offenbar hat sich das mit dem neuen Plan geändert. „Ich glaube, da stimmt was nicht, aber ich lasse Sie erst einmal in T08 hinein“, wendet sich Herr Krüger an seine Kursschüler und schließt auf. T08 ist der Jahrgangsraum der 7. Klassen, der aufgrund seiner Sonderfunktion keine Tafel oder ein entsprechendes Board hat und zudem mit kippeligen, dreieckigen Gruppentischen bestückt ist, auf denen liebevoll kleine, beige-rot bestickte Stoffdeckchen platziert sind. Zudem gibt es eine Sitzecke, ein Bücherregal und einen kleinen Tresen, kurzum, man merkt, dass dies kein Unterrichtsraum ist.

Die jungen Prinzen jedoch scheinen dies ganz anders zu sehen, entern den Raum bereitwillig, fallen zurück in ihr letztes Entwicklungsstadium und werden laut, ungewöhnlich unruhig und ansatzweise wuselig. Drei der insgesamt neun Prinzen entern unmittelbar nach Betreten des Raumes die Couch, lassen sich hineinfallen, sodass Staub und einige Federn aus der Füllung in die Höhe gewirbelt werden und zwei Sitzkissen in die Höhe hüpfen (ob aus Freude oder vor Schreck, ist nicht eindeutig festzustellen). Zwei weitere Exemplare dieser Prinzen-Spezies besetzt eine Deckchen-bedeckte Tischgruppe in zentraler Raumposition, in der Hoffnung, an einem der exponiertesten aller Plätze zu residieren, versäumt es jedoch nicht, das hübsch umnähte Deckchen mit zwei spitzen Fingern angewidert und als nicht standesgemäß auf einen der billigen Nachbarplätze zu katapultieren und zu kommentieren: „Herr Krüger, das ist jetzt aber nicht ihr Ernst, diese Deckchen, oder?“

Währenddessen hat es sich Prinz Jakob noch etwas bequemer auf seinem Couchplatz gemacht und seine Stiefel – an den Füßen sollte er mit Größe 46 mittlerweile ausgewachsen sein – zielsicher auf dem kleinen Couchtisch platziert. „Jakob, haben Sie sich das Zeugnis von jemand anderem ausgeliehen, um in die Oberstufe zu kommen oder was ist da falsch gelaufen, dass Sie sich noch so benehmen? Oder war es mein Fehler, dass ich vergessen habe, eine angemessene Lernatmosphäre für Sie vorzubereiten? Dann bitte ich natürlich vielmals um Entschuldigung ...“ scherzt Herr Krüger. Gemächlich, man könnte auch sagen ‚seinem vermeintlich etablierten Status angemessen‘ hebt Prinz Jakob seine Füße wieder vom Tisch, jedoch nicht ohne ein „dann müssen Sie mir schon einen Ersatz hinstellen, damit ich meine Füße ablegen kann!“ „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, mylord?“ beendet Herr Krüger den Wortwechsel. „Na schön“, grummelt Jakob, während Herr Krüger Marc einen Stapel Papier mit der Bitte in die Hand drückt, diese zu verteilen. „Lassen Sie das mal lieber die Mädchen machen, die können das besser ...“ kontert dieser und reicht den Papierstapel ohne zu zögern weiter. Herr Krüger schüttelt den Kopf und dreht sich weg in der Hoffnung, dass kein weiterer Schüler einen Rückfall in diese kindlichere Verhaltensphase erleidet.



Als es heute klingelt, werden die jungen Prinzen unruhig, sie verfallen wieder in ihr altes Rollenmuster und es zieht sie Richtung Tür. Bereits als Herr Krüger seine erkennbar abschließenden Worte beginnt, verlassen die ersten männlichen Kursschüler bereits den Raum.

‚Na, da fehlt aber noch einiges zum ganzen Mann‘, denkt sich Herr Krüger und packt dann auch zusammen.

Sonntag, 8. Februar 2015

Jäger und Sammler



In der Ferienzeit ist am ehesten auch mal Zeit, aufzuräumen. Das ist bei Lehrern, auf jeden Fall aber bei Herrn Krüger auch wirklich nötig, denn im Laufe der Jahre sammelt sich so einiges an. Wobei, es sammelt nicht, Herr Krüger sammelt selbst. Er sammelt Arbeitsblätter und Hausaufgaben, Müll vom Boden auf, Pfandflaschen von Fensterbrettern, Unterschriften ... ja, Herr Krüger sammelt wirklich viel, natürlich auch Unterrichtsmaterial.

Er sammelt, weil er regelmäßig auf der Suche nach guten Unterrichtsmaterialien ist. Nicht aus einer Neigung zum Messi-Dasein, sondern aus der Motivation heraus, seinen Schülern immer wieder Neueres oder Besseres anzubieten. Schließlich lebt der Unterricht zu einem großen Teil vom Medieneinsatz. Was macht also Herr Krüger, er unternimmt Streifzüge durch Schulbuchverlage, belegt in den Ferien einen Surf-Kurs, um auf den richtigen Seiten im Internet zu landen und dort Material zu laden oder zu bestellen und geht mit einem Trolley auf die Bildungsmesse, um dort bestmöglich allerlei Brauchbares einzusacken.

Jede Trophäe ist ein kleiner Triumpf für Herrn Krüger – für den Augenblick. Zu Hause freut er sich zunächst noch über seine Beutestücke. Doch dann folgt unweigerlich das große Problem der Aufbewahrung. Schon jetzt platzt das Arbeitszimmer von Herrn Krüger aus allen Nähten. Gut, dass er es wenigstens wieder von der Steuer absetzen kann. Das war schon echt `ne Frechheit vom Finanzamt, das abzuerkennen. Aber Steuer hin, Steuer her, das ändert nichts an Herrn Krügers Problem, das neue Material unterzubringen.

Zum Glück ist er nicht Grundschullehrer. Die müssen es noch schwerer haben mit der ganzen Materialfülle. Als Herr Krüger kürzlich mal wieder an einer Grundschule war, fiel ihm auf, dass viele Lehrerinnen dort wirklich mit kleinen fahrbaren Koffern durch die Gänge liefen. Wenn sich das so weiter entwickelt (früher gab es nicht mal Koffer auf Rädern), werden demnächst kleine Elektroautos in den Schulen eingeführt, erst in den Grundschulen, dann - einige Zeit später - bestimmt auch in den Oberschulen. Immer mehr Showbühne, immer mehr Praxisnähe, immer mehr Material?

Diese kleinen Elektroautos müsste man noch so entwickeln, dass man niemandem über die Füße fährt, besonders in den Grundschulen, aber das ginge bestimmt. Herr Krüger stellt sich gerade vor, wie diese kleinen orangen Schlepper durch die Gänge fahren, die man von großen Bahnhöfen oder Flughäfen kennt, merkt aber schnell, dass die zu klobig sind. Da muss was anderes her, eher so die Golfplatz-Variante, allerdings müssten diese Fahrzeuge statt der Sitzplätze kleine Pritschen haben sowie eine Seite mit kleinen Schubladen, in denen all die Scheren, Klebestifte, Papiere, Bausteine, Modelle, Pappen, Werkzeuge, Malfarben, Textmarker, Bälle, Pinn-Nadeln, Ordner usw. aufbewahrt wären. Das einzige Problem, dass Herr Krüger sieht, ist aber auch hier das Platzproblem, dieses Mal aber natürlich nicht bei ihm zu Hause, sondern an seiner Schule. Bei den derzeit ungefähr einhundert Lehrern an seiner Schule bräuchte man ja ebenso viele Stellplätze, Ladezonen usw. Womöglich – aber das müsste man testen – müssten auch auf dem Schulgelände Verkehrsschilder aufgestellt werden. Vielleicht bräuchte man sogar eine Straßenverkehrsordnung.

Außerdem kommt Herrn Krüger der Gedanke, dass ein Schulleiter natürlich ein gesondertes Fahrzeug besitzen müsste, vielleicht sogar überhaupt alle Lehrer mit Leitungspositionen und die Sekretärin unter Umständen auch. Ob die dann auch anders aussähen? Die Ferraris unter den Schulautos wahrscheinlich. Für alle anderen müsste auch das Problem gelöst werden, dass alle Elektroautos gleich aussehen. Nicht vorzustellen, was passieren würde, wenn Herr Rotter, der Physiklehrer, sich aus Versehen in der Schulalltagshektik das falsche Auto schnappt und dann mit den Materialien der Kunstlehrerin in den Klassenraum fährt. Ach so, natürlich müssten die Klassenraumtüren vergrößert und Stellplätze für die kleinen Lehrerautos vorgesehen sein.

Wenn es ganz gut läuft mit den Elektroautos, könnte man vielleicht sogar auch erste Fahrstunden als AG für Schüler anbieten, die sie sich dann später auf ihren Führerschein anrechnen lassen könnten. Verkehrskindergärten wären damit weitgehend überflüssig, weil man dann ja sozusagen Lernräume gebündelt hätte – und all das umweltfreundlich und abgasfrei, könnte man direkt im Physikunterricht thematisieren und so fachübergreifend arbeiten.



Für den Augenblick löst das allerdings leider nicht Herrn Krügers Platzproblem daheim. Schade. Er wird sich wohl doch regelmäßigere Aufräumorgien einplanen und sich womöglich doch von einigen Dingen trennen müssen. Vermutlich braucht er das Material kurze Zeit, nachdem er es weggeworfen hat.

Aber – Elektroautos an der Schule ... tolle Idee!

Samstag, 7. Februar 2015

Improvisationstheater



„Herrrrreinspaziert, meine Damen und Herren, herrrrrreinspaziert!“ Ein kleiner Metallschlägel klöppelt einen Trommelwirbel auf die Schulklingel. Das Publikum der Schülerinnen und Schüler strömt in das Schultheater und nimmt wuselnd seine Plätze ein. Das Programm verspricht sieben verschiedene Darsteller, doch nach dem Studium des langen Vertretungsplans wird klar: Es steht mal wieder 'Improvisationstheater' auf dem Programm.
Schon letzte Woche hatte sich ein Moderatoren-Team aus der Radio-AG angemeldet, die einen Beitrag für das Schulradio über den Lehreralltag machen wollen. Zur Recherche und Vorbereitung gehört da natürlich das Einnehmen der Lehrer-Perspektive, sodass sie sich einen Lehrer ausgesucht hatten, mit dem sie mitlaufen wollten: Herrn Krüger.
Auch Herr Krüger betritt wie viele Schüler und Kollegen an diesem Morgen das Schulgebäude und erkennt am Vertretungsplan, dass der Tag ganz anders ablaufen wird, als er das zu Hause geplant hat. Natürlich weiß er von den drei Radio-Schülern und hat sich demzufolge etwas besser vorbereitet. Diverse Vertretungsstunden lassen darauf schließen, dass nicht nur er improvisieren muss, aber die anderen werden ja schließlich nicht begleitet, denkt sich Herr Krüger. Zum Glück betrifft es ihn heute nur in der zweiten Stunde, in der er in eine zehnte Klasse gehen und Kollegen Rotter vertreten soll, aber dennoch ärgerlich, denn in genau dieser Freistunde wollte er das Moderatorenteam in den Verwaltungstrakt führen und ihm einen kleinen Einblick in das geben, was für die Schüler unsichtbar im Hintergrund so abläuft, Schülerakten und so. Sofort arbeitet Herrn Krügers Hirn und er überlegt sich, was er in der Vertretungsstunde mit der Klasse Sinnvolles machen könnte. Er erinnert sich, dass er kürzlich eine Stunde über Primark ausgearbeitet hat und entschließt sich, auch einmal mit der Zehnten darüber zu sprechen. Da er die Klasse nicht kennt, verspricht er sich davon, mit diesem Thema einen guten Treffer zu landen und die notwendige Aufmerksamkeit zu bekommen.
„Da seid ihr ja, ihr drei. Guten Morgen. Wollen wir? Auf zur ersten Stunde, Geografie steht auf dem Plan!“ Mit dem Dreiergespann im Schlepptau pilgert er zur 8b. Er drückt auf die Klinke, will gerade ein gutes Beispiel in puncto Höflichkeit sein und den dreien die Tür öffnen, findet den Klassenraum aber verschlossen vor. „Komisch“, sagt Herr Krüger und zückt sein Schlüsselbund. Doch auch das Aufschließen des Raumes führt zu derselben Erkenntnis: Die 8b ist ausgeflogen. Herr Krüger schleust seine Begleiter ins Lehrerzimmer und versucht, eine Hinweis über den Verbleib der 8b zu entdecken. erst nach langem Suchen, findet er am schwarzen Brett einen kleinen Zettel, der kaum sichtbar von anderen überdeckt wird, kein Wunder also, dass Herr Krüger diesen übersehen hat.
Kurzentschlossen disponiert er um. „Wisst ihr was, dann gehen wir jetzt schon rüber in die Verwaltung und ich zeige euch, was Lehrer sonst noch so machen.“ Gesagt, getan und so ziehen alle vier über den Gang. Am Vertretungsplan wirft Herr Krüger noch einmal einen Blick auf ebendiesen und entdeckt, dass er nicht mehr Herrn Rotter, sondern stattdessen Frau Schmidt in der 7a vertreten soll. „Jetzt muss ich umplanen“, erklärt Herr Krüger seinen drei Begleitern, während sie in der Verwaltung sitzen.
Eine dreiviertel Stunde später verfolgen die drei AGler die Vertretungsstunde, in der Herr Krüger sich für ein Übungsspiel zum Lernen und Üben von Fremdwörtern entschieden hat. Die Zeit vergeht sogar für die drei Zuschauer wie im Flug, die lieber mitgespielt hätten, als hin und wieder Notizen für ihre Reportage auf ein Blatt Papier zu kritzeln. Kurze Zeit später finden sie sich im Schlepptau von Herrn Krüger wieder, der sich inzwischen einen Kittel übergezogen hat und auf den Bio-Trakt zusteuert. Schon von weitem wundern sich alle vier über ein Schild, das an der Eingangstür den Weg versperrt. Als sie näher kommen, liest Pepe, einer der Drei, laut vor: „Aus Sicherheitsgründen ist das NaWi-Haus bis auf Weiteres gesperrt!“ „Das darf doch nicht wahr sein“, reißt Herr Krüger seine Arme nach oben, „ich wollte heute gerne mikroskopieren, meine Schüler freuen sich schon so darauf. Jetzt muss ich mir schon wieder was anderes überlegen ...“
Kurz entschlossen bittet Herr Krüger Pepe, hier auf seine Klasse zu warten und dann später in den Computerraum nachzukommen, in den er schon einmal mit den anderen beiden vorgehe. Zum Glück sind zwei Räume frei und Herr Krüger kann seinen spontan entwickelten Plan in die Tat umsetzen. Für alle Fälle bereitet Herr Krüger nämlich zu Hause von Zeit zu Zeit digitale Übungseinheiten vor, die er für seine Schüler übers Netz zugänglich macht. Eine ideale Sache für Tage wie diesen.
Die Idee funktioniert und so verbringen die 25 Schüler seiner Klasse leicht enttäuscht, durch den PC jedoch anders motiviert, die nächste Doppelstunde. Zwischendurch, so erfährt das Reporterteam, baut Herr Krüger noch zwei Zwischenphasen ein und bietet noch weitere interaktive Bausteine an, damit den Siebtklässlern nicht langweilig wird.
Doch auch solche Stunden am PC vergehen meistens überraschend schnell und so geht es rasant weiter, nachdem alle PCs wieder soweit für den Nächsten startklar gemacht sind.
„Die Aufsicht ruft“, erklärt Herr Krüger erneut und winkt seinen drei Schatten, damit sie ihm in die Mensa folgen. Kaum angekommen, stürmt eine Kollegin auf ihn zu und erklärt ihm, dass sie sich wegen eines Notfalls um eine Schülerin kümmern müsse, ob er auch ihren Aufsichtsbereich übernehmen könne. „Klar, mach ich“, beruhigt sie Herr Krüger hilfsbereit. Damit hat er heute die gesamte Mensa unter seinem ‚Ob-Hut' und läuft so viel hin und her, um die Schüler zum Ordnung halten zu ermahnen, dass das Radioteam kaum Schritt halten kann.
„Geschafft“, schnauft Herr Krüger endlich, „jetzt nur noch die Doppelstunde Grundkurs und dann ist der Tag rum.“ Gemeinsam gehen sie in den geplanten Raum und erstaunlicherweise läuft zum ersten Mal an diesem Tag alles nach Plan. Sogar die Schüler machen ganz gut mit, finden die drei 'Radiotoren' aus der Neunten.

„Krass, Herr Krüger, ganz schön stressig, ihr Tag! Und das machen Sie alles echt freiwillig?“ „Ja, erstaunlich, oder? Wenn es nicht ständig anders kommen würde, als man geplant hat, würde es mehr Spaß machen, aber so habt ihr jetzt einen Tag erlebt, von denen es leider viel zu viele gibt. Heute war das ja ein reines Improvisationstheater'.“ „Auf jeden Fall Kompliment, Herr Krüger!“
'Wow', denkt sich Herr Krüger, 'ein Kompliment aus Schülermund!' „Vielen Dank, ihr drei, ich bin gespannt auf euren Beitrag im Schülerradio. Wann wird der gesendet? Freitag?“