Sonntag, 8. Februar 2015

Jäger und Sammler



In der Ferienzeit ist am ehesten auch mal Zeit, aufzuräumen. Das ist bei Lehrern, auf jeden Fall aber bei Herrn Krüger auch wirklich nötig, denn im Laufe der Jahre sammelt sich so einiges an. Wobei, es sammelt nicht, Herr Krüger sammelt selbst. Er sammelt Arbeitsblätter und Hausaufgaben, Müll vom Boden auf, Pfandflaschen von Fensterbrettern, Unterschriften ... ja, Herr Krüger sammelt wirklich viel, natürlich auch Unterrichtsmaterial.

Er sammelt, weil er regelmäßig auf der Suche nach guten Unterrichtsmaterialien ist. Nicht aus einer Neigung zum Messi-Dasein, sondern aus der Motivation heraus, seinen Schülern immer wieder Neueres oder Besseres anzubieten. Schließlich lebt der Unterricht zu einem großen Teil vom Medieneinsatz. Was macht also Herr Krüger, er unternimmt Streifzüge durch Schulbuchverlage, belegt in den Ferien einen Surf-Kurs, um auf den richtigen Seiten im Internet zu landen und dort Material zu laden oder zu bestellen und geht mit einem Trolley auf die Bildungsmesse, um dort bestmöglich allerlei Brauchbares einzusacken.

Jede Trophäe ist ein kleiner Triumpf für Herrn Krüger – für den Augenblick. Zu Hause freut er sich zunächst noch über seine Beutestücke. Doch dann folgt unweigerlich das große Problem der Aufbewahrung. Schon jetzt platzt das Arbeitszimmer von Herrn Krüger aus allen Nähten. Gut, dass er es wenigstens wieder von der Steuer absetzen kann. Das war schon echt `ne Frechheit vom Finanzamt, das abzuerkennen. Aber Steuer hin, Steuer her, das ändert nichts an Herrn Krügers Problem, das neue Material unterzubringen.

Zum Glück ist er nicht Grundschullehrer. Die müssen es noch schwerer haben mit der ganzen Materialfülle. Als Herr Krüger kürzlich mal wieder an einer Grundschule war, fiel ihm auf, dass viele Lehrerinnen dort wirklich mit kleinen fahrbaren Koffern durch die Gänge liefen. Wenn sich das so weiter entwickelt (früher gab es nicht mal Koffer auf Rädern), werden demnächst kleine Elektroautos in den Schulen eingeführt, erst in den Grundschulen, dann - einige Zeit später - bestimmt auch in den Oberschulen. Immer mehr Showbühne, immer mehr Praxisnähe, immer mehr Material?

Diese kleinen Elektroautos müsste man noch so entwickeln, dass man niemandem über die Füße fährt, besonders in den Grundschulen, aber das ginge bestimmt. Herr Krüger stellt sich gerade vor, wie diese kleinen orangen Schlepper durch die Gänge fahren, die man von großen Bahnhöfen oder Flughäfen kennt, merkt aber schnell, dass die zu klobig sind. Da muss was anderes her, eher so die Golfplatz-Variante, allerdings müssten diese Fahrzeuge statt der Sitzplätze kleine Pritschen haben sowie eine Seite mit kleinen Schubladen, in denen all die Scheren, Klebestifte, Papiere, Bausteine, Modelle, Pappen, Werkzeuge, Malfarben, Textmarker, Bälle, Pinn-Nadeln, Ordner usw. aufbewahrt wären. Das einzige Problem, dass Herr Krüger sieht, ist aber auch hier das Platzproblem, dieses Mal aber natürlich nicht bei ihm zu Hause, sondern an seiner Schule. Bei den derzeit ungefähr einhundert Lehrern an seiner Schule bräuchte man ja ebenso viele Stellplätze, Ladezonen usw. Womöglich – aber das müsste man testen – müssten auch auf dem Schulgelände Verkehrsschilder aufgestellt werden. Vielleicht bräuchte man sogar eine Straßenverkehrsordnung.

Außerdem kommt Herrn Krüger der Gedanke, dass ein Schulleiter natürlich ein gesondertes Fahrzeug besitzen müsste, vielleicht sogar überhaupt alle Lehrer mit Leitungspositionen und die Sekretärin unter Umständen auch. Ob die dann auch anders aussähen? Die Ferraris unter den Schulautos wahrscheinlich. Für alle anderen müsste auch das Problem gelöst werden, dass alle Elektroautos gleich aussehen. Nicht vorzustellen, was passieren würde, wenn Herr Rotter, der Physiklehrer, sich aus Versehen in der Schulalltagshektik das falsche Auto schnappt und dann mit den Materialien der Kunstlehrerin in den Klassenraum fährt. Ach so, natürlich müssten die Klassenraumtüren vergrößert und Stellplätze für die kleinen Lehrerautos vorgesehen sein.

Wenn es ganz gut läuft mit den Elektroautos, könnte man vielleicht sogar auch erste Fahrstunden als AG für Schüler anbieten, die sie sich dann später auf ihren Führerschein anrechnen lassen könnten. Verkehrskindergärten wären damit weitgehend überflüssig, weil man dann ja sozusagen Lernräume gebündelt hätte – und all das umweltfreundlich und abgasfrei, könnte man direkt im Physikunterricht thematisieren und so fachübergreifend arbeiten.



Für den Augenblick löst das allerdings leider nicht Herrn Krügers Platzproblem daheim. Schade. Er wird sich wohl doch regelmäßigere Aufräumorgien einplanen und sich womöglich doch von einigen Dingen trennen müssen. Vermutlich braucht er das Material kurze Zeit, nachdem er es weggeworfen hat.

Aber – Elektroautos an der Schule ... tolle Idee!

Samstag, 7. Februar 2015

Improvisationstheater



„Herrrrreinspaziert, meine Damen und Herren, herrrrrreinspaziert!“ Ein kleiner Metallschlägel klöppelt einen Trommelwirbel auf die Schulklingel. Das Publikum der Schülerinnen und Schüler strömt in das Schultheater und nimmt wuselnd seine Plätze ein. Das Programm verspricht sieben verschiedene Darsteller, doch nach dem Studium des langen Vertretungsplans wird klar: Es steht mal wieder 'Improvisationstheater' auf dem Programm.
Schon letzte Woche hatte sich ein Moderatoren-Team aus der Radio-AG angemeldet, die einen Beitrag für das Schulradio über den Lehreralltag machen wollen. Zur Recherche und Vorbereitung gehört da natürlich das Einnehmen der Lehrer-Perspektive, sodass sie sich einen Lehrer ausgesucht hatten, mit dem sie mitlaufen wollten: Herrn Krüger.
Auch Herr Krüger betritt wie viele Schüler und Kollegen an diesem Morgen das Schulgebäude und erkennt am Vertretungsplan, dass der Tag ganz anders ablaufen wird, als er das zu Hause geplant hat. Natürlich weiß er von den drei Radio-Schülern und hat sich demzufolge etwas besser vorbereitet. Diverse Vertretungsstunden lassen darauf schließen, dass nicht nur er improvisieren muss, aber die anderen werden ja schließlich nicht begleitet, denkt sich Herr Krüger. Zum Glück betrifft es ihn heute nur in der zweiten Stunde, in der er in eine zehnte Klasse gehen und Kollegen Rotter vertreten soll, aber dennoch ärgerlich, denn in genau dieser Freistunde wollte er das Moderatorenteam in den Verwaltungstrakt führen und ihm einen kleinen Einblick in das geben, was für die Schüler unsichtbar im Hintergrund so abläuft, Schülerakten und so. Sofort arbeitet Herrn Krügers Hirn und er überlegt sich, was er in der Vertretungsstunde mit der Klasse Sinnvolles machen könnte. Er erinnert sich, dass er kürzlich eine Stunde über Primark ausgearbeitet hat und entschließt sich, auch einmal mit der Zehnten darüber zu sprechen. Da er die Klasse nicht kennt, verspricht er sich davon, mit diesem Thema einen guten Treffer zu landen und die notwendige Aufmerksamkeit zu bekommen.
„Da seid ihr ja, ihr drei. Guten Morgen. Wollen wir? Auf zur ersten Stunde, Geografie steht auf dem Plan!“ Mit dem Dreiergespann im Schlepptau pilgert er zur 8b. Er drückt auf die Klinke, will gerade ein gutes Beispiel in puncto Höflichkeit sein und den dreien die Tür öffnen, findet den Klassenraum aber verschlossen vor. „Komisch“, sagt Herr Krüger und zückt sein Schlüsselbund. Doch auch das Aufschließen des Raumes führt zu derselben Erkenntnis: Die 8b ist ausgeflogen. Herr Krüger schleust seine Begleiter ins Lehrerzimmer und versucht, eine Hinweis über den Verbleib der 8b zu entdecken. erst nach langem Suchen, findet er am schwarzen Brett einen kleinen Zettel, der kaum sichtbar von anderen überdeckt wird, kein Wunder also, dass Herr Krüger diesen übersehen hat.
Kurzentschlossen disponiert er um. „Wisst ihr was, dann gehen wir jetzt schon rüber in die Verwaltung und ich zeige euch, was Lehrer sonst noch so machen.“ Gesagt, getan und so ziehen alle vier über den Gang. Am Vertretungsplan wirft Herr Krüger noch einmal einen Blick auf ebendiesen und entdeckt, dass er nicht mehr Herrn Rotter, sondern stattdessen Frau Schmidt in der 7a vertreten soll. „Jetzt muss ich umplanen“, erklärt Herr Krüger seinen drei Begleitern, während sie in der Verwaltung sitzen.
Eine dreiviertel Stunde später verfolgen die drei AGler die Vertretungsstunde, in der Herr Krüger sich für ein Übungsspiel zum Lernen und Üben von Fremdwörtern entschieden hat. Die Zeit vergeht sogar für die drei Zuschauer wie im Flug, die lieber mitgespielt hätten, als hin und wieder Notizen für ihre Reportage auf ein Blatt Papier zu kritzeln. Kurze Zeit später finden sie sich im Schlepptau von Herrn Krüger wieder, der sich inzwischen einen Kittel übergezogen hat und auf den Bio-Trakt zusteuert. Schon von weitem wundern sich alle vier über ein Schild, das an der Eingangstür den Weg versperrt. Als sie näher kommen, liest Pepe, einer der Drei, laut vor: „Aus Sicherheitsgründen ist das NaWi-Haus bis auf Weiteres gesperrt!“ „Das darf doch nicht wahr sein“, reißt Herr Krüger seine Arme nach oben, „ich wollte heute gerne mikroskopieren, meine Schüler freuen sich schon so darauf. Jetzt muss ich mir schon wieder was anderes überlegen ...“
Kurz entschlossen bittet Herr Krüger Pepe, hier auf seine Klasse zu warten und dann später in den Computerraum nachzukommen, in den er schon einmal mit den anderen beiden vorgehe. Zum Glück sind zwei Räume frei und Herr Krüger kann seinen spontan entwickelten Plan in die Tat umsetzen. Für alle Fälle bereitet Herr Krüger nämlich zu Hause von Zeit zu Zeit digitale Übungseinheiten vor, die er für seine Schüler übers Netz zugänglich macht. Eine ideale Sache für Tage wie diesen.
Die Idee funktioniert und so verbringen die 25 Schüler seiner Klasse leicht enttäuscht, durch den PC jedoch anders motiviert, die nächste Doppelstunde. Zwischendurch, so erfährt das Reporterteam, baut Herr Krüger noch zwei Zwischenphasen ein und bietet noch weitere interaktive Bausteine an, damit den Siebtklässlern nicht langweilig wird.
Doch auch solche Stunden am PC vergehen meistens überraschend schnell und so geht es rasant weiter, nachdem alle PCs wieder soweit für den Nächsten startklar gemacht sind.
„Die Aufsicht ruft“, erklärt Herr Krüger erneut und winkt seinen drei Schatten, damit sie ihm in die Mensa folgen. Kaum angekommen, stürmt eine Kollegin auf ihn zu und erklärt ihm, dass sie sich wegen eines Notfalls um eine Schülerin kümmern müsse, ob er auch ihren Aufsichtsbereich übernehmen könne. „Klar, mach ich“, beruhigt sie Herr Krüger hilfsbereit. Damit hat er heute die gesamte Mensa unter seinem ‚Ob-Hut' und läuft so viel hin und her, um die Schüler zum Ordnung halten zu ermahnen, dass das Radioteam kaum Schritt halten kann.
„Geschafft“, schnauft Herr Krüger endlich, „jetzt nur noch die Doppelstunde Grundkurs und dann ist der Tag rum.“ Gemeinsam gehen sie in den geplanten Raum und erstaunlicherweise läuft zum ersten Mal an diesem Tag alles nach Plan. Sogar die Schüler machen ganz gut mit, finden die drei 'Radiotoren' aus der Neunten.

„Krass, Herr Krüger, ganz schön stressig, ihr Tag! Und das machen Sie alles echt freiwillig?“ „Ja, erstaunlich, oder? Wenn es nicht ständig anders kommen würde, als man geplant hat, würde es mehr Spaß machen, aber so habt ihr jetzt einen Tag erlebt, von denen es leider viel zu viele gibt. Heute war das ja ein reines Improvisationstheater'.“ „Auf jeden Fall Kompliment, Herr Krüger!“
'Wow', denkt sich Herr Krüger, 'ein Kompliment aus Schülermund!' „Vielen Dank, ihr drei, ich bin gespannt auf euren Beitrag im Schülerradio. Wann wird der gesendet? Freitag?“

Freitag, 6. Februar 2015

Stellenbeschreibung Lehrer/in



Aus purem Eigeninteresse heraus und ohne dass ihn jemals jemand deshalb angesprochen hat, reflektiert Herr Krüger gerne seinen Unterricht. Die Verlockung ist natürlich groß, beim Beamtenmikado mitzuspielen. (Es gibt nur eine Spielregel: Wer sich als erster bewegt, hat verloren.) Mit der Aussicht, dass er jedoch gleich wieder rausfliegen würde, bemüht er sich aber gar nicht erst um einen Platz als Mitspieler. Stattdessen arbeitet er regelmäßig daran, seinen Unterricht zu analysieren und zu verbessern. Manchmal fragt er unmittelbar nach einer Stunde, wie den Schülern der Unterricht gefallen hat, manchmal fragt er am Ende einer Einheit, welche Stunden sie als die besten bewerten und ab und zu lässt sich Herr Krüger sogar Zeugnisse schreiben. Selbstverständlich geht es dabei nicht um die Fächer, aus denen ein Schülerzeugnis besteht, sondern mehr um Eigenschaften, die einen Lehrer, also Herrn Krüger betreffen. Statt Deutsch, Mathe und Physik stehen da dann also Kriterien wie ‚Umgang mit Schülern‘, ‚Verständlichkeit‘, ‚Gestaltung von Unterrichtsmaterial‘ usw.
Nachdem es wieder einmal Zeugnisse gegeben hat und auch die Schüler der 7d ihrem Klassenlehrer welche ausstellen durften, fällt Herrn Krüger auf, dass etliche der Tätigkeiten, die er im Rahmen seines Jobs auch macht, gar nicht auf seinem Zeugnis auftauchen. Allerdings, warum und wie soll auch ein Schüler beurteilen, wie oft er, Herr Krüger, Kopierorgien feiert, Beutezüge durch Verlage unternimmt oder sein Strickzeug zur Hand nimmt, um neue Unterrichtskonzepte zu stricken?

Die Halbjahreszeugnisse sind gerade vorüber, als Herr Krüger überraschenderweise Besuch von einem ehemaligen Schüler bekommt: Fabio ist zwar noch nicht ganz raus aus der Schule, seit eineinhalb Jahren aber schon am Gymnasium und steht kurz vor dem Abitur. Er hatte sich erkundigt, wo sein ehemaliger Klassenlehrer gelandet war und war auf gut Glück an Herrn Krügers Schule aufgeschlagen und siehe da, auf dem Gang laufen sie sich quasi in die Arme.
„Hallo Herr Krüger, erkennen Sie mich noch? Ich bin’s, Fabio.“ Strahlend nickt Herr Krüger und mustert begeistert seinen ehemaligen Schüler, der sich prächtig entwickelt hat. „Gut siehst du aus,“ sagt er, hast du inzwischen schon dein Abitur in der Tasche oder bist du schon einen Schritt weiter auf der Leiter zum Beruf?“ „Ehrlich gesagt schwanke ich noch ein bisschen, Herr Krüger, liebäugele aber durchaus auch mit ihrem Job ...“ „Mit meinem?“ Herr Krüger kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, runzelt aber gleichzeitig auch die Stirn. „Bist du sicher? Weißt du eigentlich, was da auf dich zukommt? Du musst sehr vielseitig sein!“ „Deswegen bin ich auch hier, Herr Krüger, ich bin mir sicher, dass Sie mir bei meiner Entscheidungsfindung helfen können. Vielleicht können Sie mir ja einfach mal sagen, was sie alles so machen!?“ „Klar kann ich das machen, komm mit ins Lehrerzimmer, da ist es ein bisschen gemütlicher.“

Herr Krüger berichtet, dass er seinen Job eigentlich schon lange als multiple Persönlichkeit mache, da er mindestens acht Berufe in einem ausübe. Wissensvermittler alleine sei er schon lange nicht mehr. Den Panoramablick habe er sich im Laufe der Jahre schon antrainiert, um nicht einen chronischen Zeugen beschäftigen zu müssen, der alles das sähe, was ein Lehrer oft nicht sieht, ja, kaum sehen könne. Doch das sei gar nicht das Problem, mehr das ganze Drumherum. Doch nähme er sich eine Liste von Berufen vor, so stelle er fest, dass der Lehrerberuf außer der Funktion des Wissensvermittlers auch noch Jobs als Buchhalter, Erzieher, Psychologe, Reiseverkehrsfachkraft, Reiseleiter, Wachmann, Sozialpädagoge und vor allem als Sekretärin in sich berge. Würde der Job des Lehrers also nach der Anzahl der Berufe entlohnt werden, müsse ein Lehrer ein ungefähr achtfaches Gehalt bekommen.
Fabios Grinsen wird immer breiter, während er Herrn Krügers Ausführungen zuhört. „Hört sich gut an“, schmunzelt er. „Nein, ganz im Ernst, Fabio, ich glaube, der größte Nebenjob ist der als eigene Sekretärin. Wenn du dir mal eine Stellenbeschreibung für eine Sekretärin vornimmst, wirst du zu der Erkenntnis kommen, dass von ihrem Anforderungsprofil etliches von uns Lehrern erledigt wird. Nicht, dass eine Schulsekretärin das alles für alle Lehrer tun müsse, das geht natürlich auch nicht, aber zum Lehrerjob gehören eben auch: Post erledigen, elektronische Kommunikation mit Eltern, Einrichtungen, Projektleitern usw. führen, dienstliche Korrespondenz betreiben, Protokolle schreiben, Telefonate führen, Kopien anfertigen, Terminkalender für die Klasse führen, Veranstaltungen vorbereiten, Reisen organisieren und Reisekostenabrechnungen erstellen, Akten führen, Fachzeitschriften auswerten, Fachbücher verwalten, Datenbanken pflegen, Statistiken führen, Büromaterial beschaffen ...“ „O. k., o. k., ich glaube, das reicht, Herr Krüger. Sie haben mich schon überzeugt, dass Lehrer weit mehr ist, als man sich so allgemein vorstellt.“
„Ja, weißt du, Fabio“, ergänzt Herr Krüger, „Tätigkeitsbereiche können sich ändern und Vorgesetzte können viel verlangen. Ich habe nur Sorge und wüsste nicht, wie ich mich dann verhalten soll, wenn mal öffentlich diskutiert wird, dass ein Lehrer immer mehr zur verwaltenden Sekretärin wird.
Ich muss jetzt auch leider weitermachen, Fabio, ich habe noch einiges zu kopieren. Du merkst, meine Fähigkeiten als Sekretärin werden verlangt ...“ „Dann will ich Sie nicht länger aufhalten, Fräulein ... äh ... Herr Krüger ...“ frotzelt Fabio und steht auf. „... war aber trotzdem schön, Sie wiederzusehen.“ „Hey, nicht frech werden!“

Donnerstag, 5. Februar 2015

Flipperklassen



Man kann Glück haben als Lehrer, man kann aber auch Pech haben mit Klassen, wenn es um Disziplin, Ruhe und geregelte Unterrichtsgespräche geht, schließlich sind sie ja oftmals ein wesentlicher Kern des Unterrichts, sodass es von großer Bedeutung ist, ob eine Klasse zu einem solchen geregelten Miteinander in der Lage ist oder nicht.
Herr Krüger hatte bislang beide Arten von Klassen erlebt, solche und solche. Oft sind die Klassen grundsätzlich in Ordnung und haben nur Flippertage, manche Klassen sind aber einfach eben echte Flipperklassen. Herr Krüger spielt gerne mit Begrifflichkeiten und so hatte er irgendwann diesen Begriff kreiert. Flipper, wie sie in jeder zweiten Kneipe stehen, hat Herr Krüger nie selbst bedient, höchstens ein oder zweimal, aber dann ist das schon so lange her, dass er sich nicht einmal erinnern kann, ob er tatsächlich jemals Hand aufgelegt und  auf den beiden Knöpfen rumgehämmert oder am gesamten Flipper gerüttelt hat. Kein Wunder, Herr Krüger treibt sich nie in Kneipen oder Spielhöllen rum. Hat er noch nie getan und wird auch nicht deshalb anfangen, weil er immer mal wieder eine Flipperklasse erlebt.

Dass manche Klassen nun ihren Titel von Herrn Krüger verliehen bekommen, geschieht natürlich nicht ohne Grund. Auch am heutigen Dienstag betritt er mal wieder eine Klasse, die seiner Wortschöpfung alle Ehre macht. Er selbst scheint die Kugel anzustoßen, als er geduldig darauf wartet, bis alle Schülerinnen und Schüler aufgestanden sind, um sich zu begrüßen. Ein Ritual, das es an dieser Schule zum Glück noch gibt. Herr Krügers Blicke in die Runde scheinen am heutigen Tag die sogenannte Inlane der Flipperkugel zu sein, denn mit fortschreitender Zeit gibt es erste Interaktionen zwischen sich gegenseitig ermahnenden Schülern: „Herr Krüger will anfangen ...“ „Halt jetzt doch mal die Klappe ...“ tönt es vom aktivierten Slingshot (Steinschleuder) zurück. „Könnt ihr nicht mal beide aufhören rumzunerven?“ Die Kugel hat den gegenüberliegendeg Bumper (Schlagturm) erreicht und immer schneller geht der Schlagabtausch zwischen Slingshots und Bumpern.
Endlich ist Ruhe. „Guten Morgen!“ „Guten Morgen, Herr Krüger ...“ echot es träge zurück, während sich die ersten Schüler mangels Körperspannung auf ihre Stühle plumpsen lassen.
„Wir orientiert man sich denn in einem Gebiet, das man noch nicht kennt?“ beginnt Herr Krüger. Verschiedene Schüler melden sich, nennen ihre Vermutungen und noch scheint es eine ruhige Stunde zu werden: „Ich guck mich erstmal um“, „Ich gucke, was ich so alles sehe“ usw.

Dann aber bringt Herr Krüger selbst – so scheint es –als Plunger die Kugel wieder ins Spiel, als er den nächsten Schritt einleitet: „... ihr habt schon vieles richtig gesagt, wenn man sich auf einem Kontinent wie z. B. Afrika orientiert und dafür zunächst den Atlas benutzt, achtet man vor allem auf die physischen Orientierungspunkte wie Gebirge, große Flüsse usw. Genau das sollt ihr heute tun, indem ihr dies zeichnet ...“
Zack – Herr Krüger scheint mit seinen Worten beide Flipperknöpfe gedrückt zu haben, denn die Flipperkugeln – es scheinen mehrere gleichzeitig im Spiel zu sein – fliegen ihm verbal nur so um die Ohren: „Och nee, muss das sein?“ „Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder?“ „Ich kann aber nicht malen!“ „Müssen wir das machen oder können wir die Karte auch zu Hause einscannen?“ „Ich hab meinen Atlas vergessen.“ „Warum müssen wir immer so viel malen in Geo ...?“
Herr Krüger kommt gar nicht so schnell hinterher, wie die Flipperkugeln über Rollovers, Gates und Center Posts hin- und herschießen und von den Slingshots, Bumpern und Holes immer wieder neu aktiviert werden.

Ganz still schreibt er daher die Seitenzahl der zu benutzenden Karte aus dem Atlas an die Tafel und klärt den Rest in Zweiergesprächen, weiß er doch aus Erfahrung, dass die Kugeln auf dem schrägen Spielfeld irgendwann ihren Weg finden und im Aus landen – zum Glück!

Mittwoch, 4. Februar 2015

Die Schule – eine Gemeinschaftsklinik

Ein Arzt beschäftigt sich mit der Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge von Krankheiten, schreibt Wikipedia. Wikipedia schreibt auch, dass eine Krankheit die Störung der Funktion eines Organs, der Psyche oder des gesamten Organismus ist.

Herr Krüger hatte gegoogelt. Er hatte vor ein paar Wochen eine Ärztin kennengelernt. Sie war in die Trommelgruppe eingetreten, der er seit drei Jahren angehörte. In den Probenpausen oder auch mal danach, wenn einer die anderen zusammengetrommelt hatte und alle gemeinsam noch etwas trinken gingen, hatten sich die beiden viel unterhalten, natürlich über Schule, genausop aber auch über Ärzte und Patienten. Auch heute waren sie einmal nach dem letzten Trommelschlag beim Italiener gelandet und es hat sich ein munteres Gespräch in großer Runde ergeben, bei der ein Wort das andere gab und man schließlich – wie so oft – beim Thema Schule gelandet war. Herr Krüger hatte mal analysiert, warum gerade sein Job so oft Thema war und er hatte eine Lösung gefunden: Alle glauben immer mitreden zu können, weil sie selbst einmal zur Schule gegangen sind. Dabei birgt diese Einstellung einen gewaltigen Denkfehler, denn: Reden die Leute auch mit, wenn sie ihr Auto in die Werkstatt geben, nur weil sie schon mal in einem dringesessen haben?

Wie auch immer, im Rahmen dieses verbalen Schlagabtauschs, der immer recht laut wurde, weil die Trommelfelle schon heftig geschwungen hatten, hört er plötzlich die ‚kleine Trommel‘ laut fragen: „Hast du nicht auch diverse Patienten in deiner Schule zu betreuen, Andreas?“

Eine Lachsalve schallt durchs Lokal. Herr Krüger hatte berufsbedingt Ohren, die denen des Mr. Spock kaum nachstanden. Die Stimmung ist gut und gleicht der der alten Herren aus der Feuerzangenbowle und so ist, von der ‚kleinen Trommel‘ ausgelöst, fast jeder mit einer phantasierenden Bemerkung bei der Hand. „Wie viele Patienten habt ihr denn bei euch an der Schule und steht wegen der vielen Fächer Gemeinschaftsklinik über dem Haupteingang?“ schlägt eine der Djemben vor. „Ja und im Sekretariat werden die Behandlungstermine vergeben“ ergänzt Djembe Nummer zwei. Gar nicht so abwegig, denkt sich Herr Krüger, schließlich gibt es genügend liebeskranke Schüler in dieser Zeit und auch solche, bei denen definitionsgemäß nur ein Organ gestört ist: das Gehirn. Dieses müsste ja bekanntermaßen in vielen Fällen ‚wegen Umbaumaßnahmen geschlossen‘ sein, da sind sich viele, die mit Teenagern zu tun haben, einig. Vor Herrn Krügers innerem Auge läuft augenblicklich ein illustrer Film an, in dem die Schüler in der Patientenrolle agieren, die Zeugnismappe bzw. Schülerakte zur Patientenakte mutiert und der Schulleiter den Posten des Chefarztes übernimmt.

Die Eltern lassen sich für ihre Kinder einen Termin geben, nachdem der Chefarzt den Patienten in Augenschein genommen, die Akte studiert und eine Anamnese erstellt hat. Grundsätzlich werden Langzeittherapien angesetzt, die über vier oder sieben Jahre laufen. Die Therapie über sieben Jahre verspricht eine höhere Effizienz, so der Chefarzt, hinge aber entschieden von der aktiven Mitarbeit des Patienten ab. „Er muss es auch wollen“, hört man ihn immer wieder sagen, wenn man mal durch Zufall dabei ist. „Wenn der Patient nicht will, nützen die besten Therapeuten nichts.“

Jedem Patienten werden wegen eines gemeinschaftlichen Therapieansatzes grundsätzlich mehrere Therapeuten zugeteilt. So gibt es Sporttherapeuten, die sich auf Bewegungstherapien spezialisiert haben, Gestalttherapeuten, die den Patienten die Gelegenheit geben wollen, sich in Plastiken, Bildern oder abstrakter Kunst auszudrücken und Sprachtherapeuten, die darauf abzielen, dass die Patienten lernen, sich ihrer Umgebung mitzuteilen. Aber auch Logopädie steht auf dem Therapieplan, wobei diese in der Regel fachübergreifend Anwendung findet. Und – natürlich gab es auch die Psychotherapeuten, die dafür verantwortlich sind, dass die Patienten im Umgang untereinander ihren psychohygienischen Weg finden können. Zu erwähnen, dass es in Patientenkonstellationen wie diesen natürlich auch Unverträglichkeiten gibt, ist obsolet.

Jeder Patient hat durchschnittlich zwischen fünf und acht Anwendungen am Tag. Gruppentherapien gehören zu den Grundsätzen der Klinik, werden jedoch nicht immer von allen Patienten gleich gut aufgenommen, so dass immer wieder einige die Therapie abbrechen und mitunter in Fachkliniken untergebracht werden.

Die Klassenlehrer fungieren als Oberärzte, die regelmäßig die Befunde zusammenfassen und in der Patientenakte bündeln. Daraus werden wiederum Diagnosen erstellt, die den Fortgang des weiteren therapeutischen Verlaufs bestimmen. Mitunter müssen die Oberärzte familientherapeutische Termine ansetzen, wenn sich abzeichnet, dass einige Symptome des Patienten aus dem unmittelbaren Umfeld, also der Familie, kommen mussten.



„Andreas ...?“ Herrn Krüger passiert es immer wieder, dass er alles um sich herum vorübergehend ausblendet, wenn ihn ein interessanter Gedanke gepackt hat. Und diese Vorstellung, dass Gemeinschaftsklinik über dem Eingang zum Foyer steht, gefiel im außerordentlich gut.

„Was habt ihr gesagt? Wisst ihr“, reagierte er endlich grinsend, „ich hab mir das gerade mal so ein bisschen ausgemalt. Stellt euch mal Folgendes vor ...“