Freitag, 6. Februar 2015

Stellenbeschreibung Lehrer/in



Aus purem Eigeninteresse heraus und ohne dass ihn jemals jemand deshalb angesprochen hat, reflektiert Herr Krüger gerne seinen Unterricht. Die Verlockung ist natürlich groß, beim Beamtenmikado mitzuspielen. (Es gibt nur eine Spielregel: Wer sich als erster bewegt, hat verloren.) Mit der Aussicht, dass er jedoch gleich wieder rausfliegen würde, bemüht er sich aber gar nicht erst um einen Platz als Mitspieler. Stattdessen arbeitet er regelmäßig daran, seinen Unterricht zu analysieren und zu verbessern. Manchmal fragt er unmittelbar nach einer Stunde, wie den Schülern der Unterricht gefallen hat, manchmal fragt er am Ende einer Einheit, welche Stunden sie als die besten bewerten und ab und zu lässt sich Herr Krüger sogar Zeugnisse schreiben. Selbstverständlich geht es dabei nicht um die Fächer, aus denen ein Schülerzeugnis besteht, sondern mehr um Eigenschaften, die einen Lehrer, also Herrn Krüger betreffen. Statt Deutsch, Mathe und Physik stehen da dann also Kriterien wie ‚Umgang mit Schülern‘, ‚Verständlichkeit‘, ‚Gestaltung von Unterrichtsmaterial‘ usw.
Nachdem es wieder einmal Zeugnisse gegeben hat und auch die Schüler der 7d ihrem Klassenlehrer welche ausstellen durften, fällt Herrn Krüger auf, dass etliche der Tätigkeiten, die er im Rahmen seines Jobs auch macht, gar nicht auf seinem Zeugnis auftauchen. Allerdings, warum und wie soll auch ein Schüler beurteilen, wie oft er, Herr Krüger, Kopierorgien feiert, Beutezüge durch Verlage unternimmt oder sein Strickzeug zur Hand nimmt, um neue Unterrichtskonzepte zu stricken?

Die Halbjahreszeugnisse sind gerade vorüber, als Herr Krüger überraschenderweise Besuch von einem ehemaligen Schüler bekommt: Fabio ist zwar noch nicht ganz raus aus der Schule, seit eineinhalb Jahren aber schon am Gymnasium und steht kurz vor dem Abitur. Er hatte sich erkundigt, wo sein ehemaliger Klassenlehrer gelandet war und war auf gut Glück an Herrn Krügers Schule aufgeschlagen und siehe da, auf dem Gang laufen sie sich quasi in die Arme.
„Hallo Herr Krüger, erkennen Sie mich noch? Ich bin’s, Fabio.“ Strahlend nickt Herr Krüger und mustert begeistert seinen ehemaligen Schüler, der sich prächtig entwickelt hat. „Gut siehst du aus,“ sagt er, hast du inzwischen schon dein Abitur in der Tasche oder bist du schon einen Schritt weiter auf der Leiter zum Beruf?“ „Ehrlich gesagt schwanke ich noch ein bisschen, Herr Krüger, liebäugele aber durchaus auch mit ihrem Job ...“ „Mit meinem?“ Herr Krüger kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, runzelt aber gleichzeitig auch die Stirn. „Bist du sicher? Weißt du eigentlich, was da auf dich zukommt? Du musst sehr vielseitig sein!“ „Deswegen bin ich auch hier, Herr Krüger, ich bin mir sicher, dass Sie mir bei meiner Entscheidungsfindung helfen können. Vielleicht können Sie mir ja einfach mal sagen, was sie alles so machen!?“ „Klar kann ich das machen, komm mit ins Lehrerzimmer, da ist es ein bisschen gemütlicher.“

Herr Krüger berichtet, dass er seinen Job eigentlich schon lange als multiple Persönlichkeit mache, da er mindestens acht Berufe in einem ausübe. Wissensvermittler alleine sei er schon lange nicht mehr. Den Panoramablick habe er sich im Laufe der Jahre schon antrainiert, um nicht einen chronischen Zeugen beschäftigen zu müssen, der alles das sähe, was ein Lehrer oft nicht sieht, ja, kaum sehen könne. Doch das sei gar nicht das Problem, mehr das ganze Drumherum. Doch nähme er sich eine Liste von Berufen vor, so stelle er fest, dass der Lehrerberuf außer der Funktion des Wissensvermittlers auch noch Jobs als Buchhalter, Erzieher, Psychologe, Reiseverkehrsfachkraft, Reiseleiter, Wachmann, Sozialpädagoge und vor allem als Sekretärin in sich berge. Würde der Job des Lehrers also nach der Anzahl der Berufe entlohnt werden, müsse ein Lehrer ein ungefähr achtfaches Gehalt bekommen.
Fabios Grinsen wird immer breiter, während er Herrn Krügers Ausführungen zuhört. „Hört sich gut an“, schmunzelt er. „Nein, ganz im Ernst, Fabio, ich glaube, der größte Nebenjob ist der als eigene Sekretärin. Wenn du dir mal eine Stellenbeschreibung für eine Sekretärin vornimmst, wirst du zu der Erkenntnis kommen, dass von ihrem Anforderungsprofil etliches von uns Lehrern erledigt wird. Nicht, dass eine Schulsekretärin das alles für alle Lehrer tun müsse, das geht natürlich auch nicht, aber zum Lehrerjob gehören eben auch: Post erledigen, elektronische Kommunikation mit Eltern, Einrichtungen, Projektleitern usw. führen, dienstliche Korrespondenz betreiben, Protokolle schreiben, Telefonate führen, Kopien anfertigen, Terminkalender für die Klasse führen, Veranstaltungen vorbereiten, Reisen organisieren und Reisekostenabrechnungen erstellen, Akten führen, Fachzeitschriften auswerten, Fachbücher verwalten, Datenbanken pflegen, Statistiken führen, Büromaterial beschaffen ...“ „O. k., o. k., ich glaube, das reicht, Herr Krüger. Sie haben mich schon überzeugt, dass Lehrer weit mehr ist, als man sich so allgemein vorstellt.“
„Ja, weißt du, Fabio“, ergänzt Herr Krüger, „Tätigkeitsbereiche können sich ändern und Vorgesetzte können viel verlangen. Ich habe nur Sorge und wüsste nicht, wie ich mich dann verhalten soll, wenn mal öffentlich diskutiert wird, dass ein Lehrer immer mehr zur verwaltenden Sekretärin wird.
Ich muss jetzt auch leider weitermachen, Fabio, ich habe noch einiges zu kopieren. Du merkst, meine Fähigkeiten als Sekretärin werden verlangt ...“ „Dann will ich Sie nicht länger aufhalten, Fräulein ... äh ... Herr Krüger ...“ frotzelt Fabio und steht auf. „... war aber trotzdem schön, Sie wiederzusehen.“ „Hey, nicht frech werden!“

Donnerstag, 5. Februar 2015

Flipperklassen



Man kann Glück haben als Lehrer, man kann aber auch Pech haben mit Klassen, wenn es um Disziplin, Ruhe und geregelte Unterrichtsgespräche geht, schließlich sind sie ja oftmals ein wesentlicher Kern des Unterrichts, sodass es von großer Bedeutung ist, ob eine Klasse zu einem solchen geregelten Miteinander in der Lage ist oder nicht.
Herr Krüger hatte bislang beide Arten von Klassen erlebt, solche und solche. Oft sind die Klassen grundsätzlich in Ordnung und haben nur Flippertage, manche Klassen sind aber einfach eben echte Flipperklassen. Herr Krüger spielt gerne mit Begrifflichkeiten und so hatte er irgendwann diesen Begriff kreiert. Flipper, wie sie in jeder zweiten Kneipe stehen, hat Herr Krüger nie selbst bedient, höchstens ein oder zweimal, aber dann ist das schon so lange her, dass er sich nicht einmal erinnern kann, ob er tatsächlich jemals Hand aufgelegt und  auf den beiden Knöpfen rumgehämmert oder am gesamten Flipper gerüttelt hat. Kein Wunder, Herr Krüger treibt sich nie in Kneipen oder Spielhöllen rum. Hat er noch nie getan und wird auch nicht deshalb anfangen, weil er immer mal wieder eine Flipperklasse erlebt.

Dass manche Klassen nun ihren Titel von Herrn Krüger verliehen bekommen, geschieht natürlich nicht ohne Grund. Auch am heutigen Dienstag betritt er mal wieder eine Klasse, die seiner Wortschöpfung alle Ehre macht. Er selbst scheint die Kugel anzustoßen, als er geduldig darauf wartet, bis alle Schülerinnen und Schüler aufgestanden sind, um sich zu begrüßen. Ein Ritual, das es an dieser Schule zum Glück noch gibt. Herr Krügers Blicke in die Runde scheinen am heutigen Tag die sogenannte Inlane der Flipperkugel zu sein, denn mit fortschreitender Zeit gibt es erste Interaktionen zwischen sich gegenseitig ermahnenden Schülern: „Herr Krüger will anfangen ...“ „Halt jetzt doch mal die Klappe ...“ tönt es vom aktivierten Slingshot (Steinschleuder) zurück. „Könnt ihr nicht mal beide aufhören rumzunerven?“ Die Kugel hat den gegenüberliegendeg Bumper (Schlagturm) erreicht und immer schneller geht der Schlagabtausch zwischen Slingshots und Bumpern.
Endlich ist Ruhe. „Guten Morgen!“ „Guten Morgen, Herr Krüger ...“ echot es träge zurück, während sich die ersten Schüler mangels Körperspannung auf ihre Stühle plumpsen lassen.
„Wir orientiert man sich denn in einem Gebiet, das man noch nicht kennt?“ beginnt Herr Krüger. Verschiedene Schüler melden sich, nennen ihre Vermutungen und noch scheint es eine ruhige Stunde zu werden: „Ich guck mich erstmal um“, „Ich gucke, was ich so alles sehe“ usw.

Dann aber bringt Herr Krüger selbst – so scheint es –als Plunger die Kugel wieder ins Spiel, als er den nächsten Schritt einleitet: „... ihr habt schon vieles richtig gesagt, wenn man sich auf einem Kontinent wie z. B. Afrika orientiert und dafür zunächst den Atlas benutzt, achtet man vor allem auf die physischen Orientierungspunkte wie Gebirge, große Flüsse usw. Genau das sollt ihr heute tun, indem ihr dies zeichnet ...“
Zack – Herr Krüger scheint mit seinen Worten beide Flipperknöpfe gedrückt zu haben, denn die Flipperkugeln – es scheinen mehrere gleichzeitig im Spiel zu sein – fliegen ihm verbal nur so um die Ohren: „Och nee, muss das sein?“ „Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder?“ „Ich kann aber nicht malen!“ „Müssen wir das machen oder können wir die Karte auch zu Hause einscannen?“ „Ich hab meinen Atlas vergessen.“ „Warum müssen wir immer so viel malen in Geo ...?“
Herr Krüger kommt gar nicht so schnell hinterher, wie die Flipperkugeln über Rollovers, Gates und Center Posts hin- und herschießen und von den Slingshots, Bumpern und Holes immer wieder neu aktiviert werden.

Ganz still schreibt er daher die Seitenzahl der zu benutzenden Karte aus dem Atlas an die Tafel und klärt den Rest in Zweiergesprächen, weiß er doch aus Erfahrung, dass die Kugeln auf dem schrägen Spielfeld irgendwann ihren Weg finden und im Aus landen – zum Glück!

Mittwoch, 4. Februar 2015

Die Schule – eine Gemeinschaftsklinik

Ein Arzt beschäftigt sich mit der Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge von Krankheiten, schreibt Wikipedia. Wikipedia schreibt auch, dass eine Krankheit die Störung der Funktion eines Organs, der Psyche oder des gesamten Organismus ist.

Herr Krüger hatte gegoogelt. Er hatte vor ein paar Wochen eine Ärztin kennengelernt. Sie war in die Trommelgruppe eingetreten, der er seit drei Jahren angehörte. In den Probenpausen oder auch mal danach, wenn einer die anderen zusammengetrommelt hatte und alle gemeinsam noch etwas trinken gingen, hatten sich die beiden viel unterhalten, natürlich über Schule, genausop aber auch über Ärzte und Patienten. Auch heute waren sie einmal nach dem letzten Trommelschlag beim Italiener gelandet und es hat sich ein munteres Gespräch in großer Runde ergeben, bei der ein Wort das andere gab und man schließlich – wie so oft – beim Thema Schule gelandet war. Herr Krüger hatte mal analysiert, warum gerade sein Job so oft Thema war und er hatte eine Lösung gefunden: Alle glauben immer mitreden zu können, weil sie selbst einmal zur Schule gegangen sind. Dabei birgt diese Einstellung einen gewaltigen Denkfehler, denn: Reden die Leute auch mit, wenn sie ihr Auto in die Werkstatt geben, nur weil sie schon mal in einem dringesessen haben?

Wie auch immer, im Rahmen dieses verbalen Schlagabtauschs, der immer recht laut wurde, weil die Trommelfelle schon heftig geschwungen hatten, hört er plötzlich die ‚kleine Trommel‘ laut fragen: „Hast du nicht auch diverse Patienten in deiner Schule zu betreuen, Andreas?“

Eine Lachsalve schallt durchs Lokal. Herr Krüger hatte berufsbedingt Ohren, die denen des Mr. Spock kaum nachstanden. Die Stimmung ist gut und gleicht der der alten Herren aus der Feuerzangenbowle und so ist, von der ‚kleinen Trommel‘ ausgelöst, fast jeder mit einer phantasierenden Bemerkung bei der Hand. „Wie viele Patienten habt ihr denn bei euch an der Schule und steht wegen der vielen Fächer Gemeinschaftsklinik über dem Haupteingang?“ schlägt eine der Djemben vor. „Ja und im Sekretariat werden die Behandlungstermine vergeben“ ergänzt Djembe Nummer zwei. Gar nicht so abwegig, denkt sich Herr Krüger, schließlich gibt es genügend liebeskranke Schüler in dieser Zeit und auch solche, bei denen definitionsgemäß nur ein Organ gestört ist: das Gehirn. Dieses müsste ja bekanntermaßen in vielen Fällen ‚wegen Umbaumaßnahmen geschlossen‘ sein, da sind sich viele, die mit Teenagern zu tun haben, einig. Vor Herrn Krügers innerem Auge läuft augenblicklich ein illustrer Film an, in dem die Schüler in der Patientenrolle agieren, die Zeugnismappe bzw. Schülerakte zur Patientenakte mutiert und der Schulleiter den Posten des Chefarztes übernimmt.

Die Eltern lassen sich für ihre Kinder einen Termin geben, nachdem der Chefarzt den Patienten in Augenschein genommen, die Akte studiert und eine Anamnese erstellt hat. Grundsätzlich werden Langzeittherapien angesetzt, die über vier oder sieben Jahre laufen. Die Therapie über sieben Jahre verspricht eine höhere Effizienz, so der Chefarzt, hinge aber entschieden von der aktiven Mitarbeit des Patienten ab. „Er muss es auch wollen“, hört man ihn immer wieder sagen, wenn man mal durch Zufall dabei ist. „Wenn der Patient nicht will, nützen die besten Therapeuten nichts.“

Jedem Patienten werden wegen eines gemeinschaftlichen Therapieansatzes grundsätzlich mehrere Therapeuten zugeteilt. So gibt es Sporttherapeuten, die sich auf Bewegungstherapien spezialisiert haben, Gestalttherapeuten, die den Patienten die Gelegenheit geben wollen, sich in Plastiken, Bildern oder abstrakter Kunst auszudrücken und Sprachtherapeuten, die darauf abzielen, dass die Patienten lernen, sich ihrer Umgebung mitzuteilen. Aber auch Logopädie steht auf dem Therapieplan, wobei diese in der Regel fachübergreifend Anwendung findet. Und – natürlich gab es auch die Psychotherapeuten, die dafür verantwortlich sind, dass die Patienten im Umgang untereinander ihren psychohygienischen Weg finden können. Zu erwähnen, dass es in Patientenkonstellationen wie diesen natürlich auch Unverträglichkeiten gibt, ist obsolet.

Jeder Patient hat durchschnittlich zwischen fünf und acht Anwendungen am Tag. Gruppentherapien gehören zu den Grundsätzen der Klinik, werden jedoch nicht immer von allen Patienten gleich gut aufgenommen, so dass immer wieder einige die Therapie abbrechen und mitunter in Fachkliniken untergebracht werden.

Die Klassenlehrer fungieren als Oberärzte, die regelmäßig die Befunde zusammenfassen und in der Patientenakte bündeln. Daraus werden wiederum Diagnosen erstellt, die den Fortgang des weiteren therapeutischen Verlaufs bestimmen. Mitunter müssen die Oberärzte familientherapeutische Termine ansetzen, wenn sich abzeichnet, dass einige Symptome des Patienten aus dem unmittelbaren Umfeld, also der Familie, kommen mussten.



„Andreas ...?“ Herrn Krüger passiert es immer wieder, dass er alles um sich herum vorübergehend ausblendet, wenn ihn ein interessanter Gedanke gepackt hat. Und diese Vorstellung, dass Gemeinschaftsklinik über dem Eingang zum Foyer steht, gefiel im außerordentlich gut.

„Was habt ihr gesagt? Wisst ihr“, reagierte er endlich grinsend, „ich hab mir das gerade mal so ein bisschen ausgemalt. Stellt euch mal Folgendes vor ...“

Dienstag, 3. Februar 2015

Noch 'ne Flasche

Ein Auswärtseinsatz rief Herrn Krüger an einer anderen Schule auf den Plan, um dort Fachunterricht zu beurteilen und einer angehenden Lehrerin Hinweise zur Optimierung ihres Verhaltens und ihres Unterrichts zu geben. Als Gast wurde man von den Schülerinnen und Schülern der betroffenen Klasse zunächst erstmal gründlich gemustert, manchmal mit einem „Guten Morgen“ oder einer Testfrage abgecheckt oder diente auch als Auslöser einer kurzen Tuschelei, wie es jeden Tag zahlreiche unter Schülern gibt.

All das kannte Herr Krüger von solchen Gelegenheiten und so war es für ihn nicht weiter ungewohnt. Und dennoch stach diese Stunde aus den anderen heraus. Ob es an der Sitzordnung gelegen hatte – die Tische waren diagonal in der Klasse aufgestellt worden, sodass die Schülerinnen und Schüler einen besseren Blick sowohl auf die interaktive Tafel als auch auf eine weiße Magnetwand hatten – oder an etwas anderem, Herr Krüger konnte es nicht analysieren. Tatsache war allerdings, dass mitten in einer Gruppenarbeitsphase eine Plastikflasche auf Herrn Krüger zuflog. Obwohl er geistesgegenwärtig die Hände hob, traf ihn die Flasche zielsicher am Kopf. Von den Schülern, die vom Landeplatz der Flasche gesehen hatten, zuckten einige zusammen, andere drehten sich vermeintlich weg, gespannt auf Herrn Krügers Reaktion. Die Werferin selbst zuckte zwar auch kurz, machte allerdings keinerlei Anstalten, sich zu entschuldigen.

Herr Krüger fiel gänzlich vom Glauben ab. Zu seiner Schulzeit waren Essen und Trinken komplett in die Pausen verbannt gewesen, heutzutage waren diese Grenzen längst aufgeweicht und zumindest das Trinken wurde von diversen Lehrern während des Unterrichts erlaubt. Aber dass sich die Schülerin nicht einmal entschuldigte, nachdem sie festgestellt hatte, dass Herr Krüger keine Platzwunde am Kopf erlitten hatte, die mit zwei bis drei Stichen fachmännisch hätte genäht werden müssen, erzeugte bei ihm mehr als Erstaunen.

Als die Schüler merkten, dass Herr Krüger nicht fassungslos aufsprang und ein Fass aufmachte (wer hat heute schon ständig ein Fass dabei), nahmen sie ihre Arbeit wieder auf. Aber als wenn das nicht genug gewesen wäre, gab es für Herrn Krüger noch ein i-Tüpfelchen obendrauf, das dem ganzen Vorfall die Krone aufsetzte: Die Schülerin, bei der die Flasche landen sollte – Herr Krüger hatte das Beweisstück mittlerweile vom Fußboden aufgehoben und auf den Tisch gestellt, an dem er saß – griff sich die Flasche wie selbstverständlich, nahm ein paar Schlucke daraus und schob sie dann in ihren Rucksack. Wortlos!

Herrn Krüger fiel es schwer, sich noch auf den Unterricht zu konzentrieren. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Wie wurden diese Kinder heutzutage erzogen? Spielten Faktoren wie Respekt, Höflichkeit und reflexartiges Entschuldigen bei Vorkommnissen wie diesen dabei keine Rolle mehr?

Herr Krüger ertappte sich bei dem Gedanken, wie er den Klassenraum bei einer vergleichbaren Beurteilungsstunde mit Helm betrat. Nicht unbedingt mit einem Integralhelm, aber zumindest doch mit einem Fahrradhelm. Möglicherweise war aber auch die Variante die beste, die Polizisten bei Demonstrationen tragen, also mit langem, durchsichtigem Visier. Allerdings würde ein behelmter Lehrer seinen 360°-Blick aufgeben, den ein guter Lehrer hat.

Oder war all das übertrieben? Waren sie noch nicht soweit, eine von Herrn Krüger angedachte Helmpflicht für Lehrer einzuführen? Eigentlich doch nicht, wenn sich potentielle Flaschenwerfer nicht um die Folgen ihrer sportlichen Betätigung scheren. Hieß deshalb auch die neue Bildungssenatorin so – Scheeres – um auf diesen Trend der Verantwortungslosigkeit hinzuweisen? Hoffentlich nicht.

„Konzentrier dich!“ ermahnte sich Herr Krüger im Stillen. Mal sehen, was die Kollegin nachher sagt, die den Unterricht leitete ...

Sonntag, 1. Februar 2015

Gehirne in der Pubertät

Der Kopf, gemeinhin als Schaltzentrum und Zentrale des menschlichen Körpers bekannt, zeigt einen gewissen Grundbauplan, der auch jedem Schüler während der Schulzeit vermittelt wird. So versucht auch Herr Krüger – seines Zeichens u. a. Biologielehrer – regelmäßig zu erklären, dass die meisten Sinnesorgane im Kopf vereinigt sind. Sogar die Haut – das größte Sinnesorgan des Menschen – zeigt Teile seine Ausprägung am menschlichen Schädel. Ebenso allgemein bekannt ist die Tatsache, dass sich das Gehirn im Kopf befindet und in vier Hauptbereiche, nämlich Großhirn, Zwischenhirn, Kleinhirn und Hirnstamm unterteilt wird. Schaut man etwas genauer hin, so erfährt man, dass die einzelnen Fähigkeiten des Menschen ihre entsprechenden Hirnareale haben, von denen aus sie gesteuert werden. Das Sehzentrum liegt z. B. weit hinten im Kopf, während sich das Hörzentrum in einer relativ zentralen Position befindet.

Herr Krüger hat durch seine mannigfaltigen Erfahrungen mit pubertierenden Teenagern eine eigene Theorie entwickelt, wie das Gehirn in unterschiedlichen Phasen der Adoleszenz arbeitet: Demnach funktioniert das kindliche Gehirn relativ normal und die einzelnen Hirnzentren kooperieren miteinander. Folglich ist das Kind in der Grundschule fast durchweg gierig – neugierig und wissbegierig.

Kommt dann aber die Pubertät und es geschehen Prozesse im Hirn, die man kaum in Worte fassen kann und sich besser in Bildern vorstellt. Das Teenagergehirn ist gekennzeichnet von einem Rückgang der Leistungsintensität der einzelnen Steuerungszentren. Diese nehmen daher vom Volumen her ab und bieten so Raum für die unzähligen ‚Kabelverbindungen‘, die die einzelnen Hirnareale miteinander verknüpfen. Bei Teenagern nun rutschen die Stecker aus ihrem ursprünglichen Steckplatz heraus und schlingern eine Weile ungesteuert im Hirn hin und her wie ein Gartenschlauch, dessen Ende nicht fixiert ist, so dass er sein Wasser in alle Richtungen unkontrolliert verteilt. Die losen Kabelenden, die nun nicht länger einer geordneten Funktionsweise dienen, geraten demzufolge immer wieder mit ihren losen Enden an Schaltstellen, an denen sie normalerweise nichts zu suchen haben. Kurzschlüsse und Fehlreaktionen sind die Folge. Sie kennzeichnen das typische Verhalten unserer Teenager.

Gerät beispielsweise das lose Kabelende, das ursprünglich im Antriebsfeld verankert ist, ins Riechzentrum, ist dies bei einem Teenager daran zu erkennen, dass dieser seine Bewegungsaktivitäten auf das absolute Mindestmaß beschränkt, so dass auch Tätigkeiten wie die regelmäßige Körperpflege häufig ausbleiben. Parallel entsteht im Riechzentrum ein Kurzschluss, der eine Selbstwahrnehmung ausschließt. Die Folge: fettige Haare, nicht getauschte, müffelnde T-Shirts, vergessene Deos usw.

Ähnliche Reaktionen zeigen sich, wenn das Sprachzentrum seinen Steckplatz freigibt und das freigewordene Kabel ungesteuert und durch Zufall an das Sehzentrum andockt. Was geschieht? Die Kommunikation bleibt auf der Strecke und der Teenager kann für geraume Zeit nur noch Halbsätze formulieren – wenn überhaupt. Vorbeifliegende Kabel, die nur Bruchteile von Sekunden die Buchse des Sprachzentrums streifen, führen dabei zu Grunz-, Brunft- und Kreischgeräuschen, die den täglichen Lärmpegel in Schulen auf Werte von bis zu 140 dB ansteigen lassen. Im Gegenzug zum abgekoppelten Sprachzentrum verändert das jetzt verschaltete Sehzentrum seine Funktionen. Dieses steuert die Augen fortan so, dass diese vornehmlich sensationsorientierte Reize wahrnehmen und auf anders- oder auch gleichgeschlechtliche Verhaltensweisen fokussiert sind, während funktionale, auf Wissenszuwachs ausgerichtete Beobachtungen in weiten Teilen nicht vorgesehen sind. Mitunter gibt es Ausnahmen unter den Halbwüchsigen, die durch eine grundsätzliche, optische Wahrnehmungsarmut auffallen. Bei diesen Exemplaren herrscht ein kaum bewegtes Starren durch die vermeintliche Leere der Umgebung vor.

Eine interessante Beobachtung hat Herr Krüger bei der Steckverbindung in der Körpergefühlsphäre von Mädchen gemacht. Diese löst sich im Vergleich zu anderen nicht besonders leicht, sondern sogar extrem schwer oder auch gar nicht aus ihrer Verankerung. Rein äußerlich macht sich das durch Gefühlsausbrüche bemerkbar, die die Mädchen nur selten zurückhalten können. Häufig verstärken sie diese noch so durch ihr schauspielerisches Talent, dass dies nicht selten nach sogenannten ‚Tröstermädchen‘ verlangt, die sich in der Stärke von etwa einem halben Dutzend als moderne Ausprägung der früheren Klageweiber präsentieren. Die gesamte Teenie-Truppe versäumt dadurch in der Regel eine Schulstunde am Tag.

Zum Zeitpunkt, zu dem die losen Kabel wieder festere Verbindungen eingehen, forscht Herr Krüger noch. Derzeit prüft er aber bereits die Optionen, seine Studien in einem medizinischen Fachblatt zu veröffentlichen ...

Samstag, 31. Januar 2015

Die Flasche



Herr Krüger betrat den Neubau der Schule, in dem alle 7. Klassen Quartier bezogen hatten: "Wer hat denn hier diese Sauerei angerichtet?" rief Herr Krüger unvermittelt mit einem Blick auf den Treppenhausboden, über den er wie ein Storch zum Klassenraum watete. Er befürchtete wilde Szenarien in einer der beiden Toiletten, wagte es aber nicht, dort nachzusehen. Stattdessen wiederholte er seine Frage in der Tutorstunde mit seiner Klasse?"

Piet plapperte munter darauf los und gab bereitwillig Auskunft, obwohl zeitgleich mehrere andere Schüler, die brav die Hand hoben, wie es mal in grauer Vorzeit – so um die Jahrhundertwende – gewesen sein muss, ebenfalls auskunftsbereit gewesen wären. "Und zwar“, plaudert er munter weiter, „das war so: Ich und Alfons ...“ „Alfons und ich“ unterbricht ihn Herr Krüger. „“Ja, also Alfons und ich haben gesehen, wie Natalia die Flasche auf den Tisch gestellt hat und dann ist Kevin an den Tisch gestoßen und die Flasche ist umgefallen, aber weil der Deckel nicht drauf war, ist Nadin nass geworden und deshalb hat sie dann die Flasche zur Seite gekickt und ich und Alfons ...“ „Alfons und ich ...“ „Ja, Alfons und ich haben dann nur die Flasche zurückgekickt. Und plötzlich haben irgendwie alle mitgemacht, aber wir waren jedenfalls nicht die einzigsten, wir haben nur einmal zurückgekickt. Und außerdem, gucken Sie mal, die Flasche ist ja noch nicht mal ganz leer, is also nicht so schlimm."

„Wie ... nicht so schlimm?“ Herr Krüger runzelte die Stirn. „Nein, es war ganz anders ...“ platzte es aus der hinteren Ecke aus Nadin heraus und auch sie setzte sich nun über das Meldeprocedere hinweg, „ich und Melanie ...“ „Melanie und ich...“ „Ja, also Melanie und ich wollten eigentlich in die Pause gehen und ich habe mir nur noch mein Brot genommen, weil wir hatten ja Mittagspause, und dann kamen Piet und Alfons und haben mir die Flasche weggenommen ...“ „Und warum lässt du dir deine Flasche wegnehmen?“ fragte Herr Krüger, um Licht in das widersprüchliche Chaos zu bringen. „Das ist ja gar nicht meine Flasche ...“

„Na gut,“ gab Herr Krüger auf, „ich denke, es tut auch nichts zur Sache. Tatsache ist jedenfalls, dass diese Flasche hier im Mittelpunkt stand und ihr eine riesen Sauerei draußen angerichtet habt.“

Herr Krüger deutet auf eine PET-Flasche, quasi das corpus delicti, die inzwischen betreten auf dem Fensterbrett lag. Wie ein geprügelter Hund und voller Beulen lag sie da, war platt nach den Tritten und allem, was sie gehört hatte, und rührt sich kein Stück, in der Hoffnung ihrer prekären Situation noch mehr Theatralik verliehen zu können.

Herr Krüger zeigte nach einem langen Blick auf die Flasche Mitleid und verlangte Wiedergutmachung, zumindest am Treppenhausfußboden. Er besorgte kurzerhand zwei Lappen und einen Eimer und drückte diese Piet und Nadin in die Hand, die zwar widersprechen wollten, über ein „aber ..." jedoch nicht hinauskamen, weil Herrr Krüger sie bereits ins Treppenhaus geschoben hatte.



Zwei Minuten später wagte Herr Krüger einen Blick vor die Tür und fand seine Schüler dabei vor, wie sie auf ihre Art den Boden behandelten. Sie hatten die beiden trockenen und starren Lappen auf den Boden geworfen und wischten – die Lappen mit ihren ausgestreckten Füßen haltend – unkontrolliert hin und her. „Nee, nee, nee ... so wie ihr das macht, ist wischen impossible“ griff Herr Krüger ein und erklärte, dass sie ihre Lappen nassmachen, auswringen und dann den Boden komplett und mit System wischen müssten. „Ja, okeee ...“ trottete Piet Richtung Toilette.

Fünf weitere Minuten später lugte Herr Krüger ein weiteres Mal vor die Tür. Piet war mittlerweile auf die Knie gefallen, da er das System verstanden und bereits ein beachtliches Stück sauber gewischten Boden geschaffen hatte, während Nadin nach wie vor ihre ‚Ich-mach-das-mit-dem-Fuß-und-mach-mir-doch-nicht-die-Finger-nass-Technik‘ anwandte, damit allerdings auch kaum etwas geschafft hatte. Herr Krüger lobte Piet, sagte, dass so das gesamte Treppenhaus auszusehen habe und ging wieder zurück in den Klassenraum.



Und die Flasche? Sie hatte es nicht geschafft. Sie erlag all den Tritten und Schlägen und musste sich ihrem Schicksal fügen. Asche zu Asche, Plastik zu Plastik.